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Tyrell, Hartmann (1986): "Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation [kommentiert (ST)]", in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 38, 450489.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

In diesem Aufsatz prüft Hartmann Tyrell, ob sich die Geschlechterthematik nicht als Soziologie der Geschlechter im Kontext der Theorie sozialer Differenzierung bestimmen lässt, denn seinerzeit bot die gesellschaftstheoretische Debatte keinen systematischen Ort für die Geschlechterproblematik. Dazu greift er umfassend auf kulturanthropologische und ethnologische Forschungsergebnisse zurück und identifiziert die Geschlechterdifferenzierung im Kern als "eine Klassifikationsangelegenheit". Daran anschließend geht er der Frage nach, ob Geschlecht ein kulturelles Konstrukt ist, und wie "jene klassifikatorische Halbierung der Menschen in Männer und Frauen" zustande kommt, die weit "über die reproduktiven Notwendigkeiten der Gattung [...] hinaus[weist]."

Ausgehend von biologischen und ethnologischen Befunden hinterfragt Tyrell die den Geschlechtsdimorphismus tragenden körperlichen und psychischen Attribute und Attributionen und gelangt zu der Überzeugung, dass beide eher Resultat als Ursache der Geschlechtsklassifikation sind. Denn im Hinblick auf die physiologische Geschlechterdifferenz, die ein Kontinuum von mehr oder weniger starken Ausprägungen männlicher und weiblichen Formen darstellt, ist eine "von selbst gemachte" Sozialordnung der Zweigeschlechtlichkeit eher unwahrscheinlich, da hochgradig voraussetzungsvoll. Warum soll unterschieden werden, was sich doch so ähnlich ist? Wie kommt es dennoch zu einem solchen geschlechterklassifikatorischen Rigorismus "unter Wegfallen aller Zwischengrößen"? Ist die Beobachtung, dass die Unterscheidung von Mann und Frau als eine primäre Differenz in allen Kulturen vorfindbar ist, gemacht, so ist sie nicht ohne weiteres wieder aus der Welt zu schaffen.

Stets wird Geschlechterdifferenz durch den Sprachgebrauch gesichert, ob in Namen, Anredeformen, Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen oder Personalpronomina, aber auch durch Zeichensysteme, die mit dem Körper arbeiten, wie Gestik und Mimik, Kleidung, Frisur, Schmuck und Stimme.
Anschließend beschreibt Tyrell die Geschlechterklassifikation der Moderne, die auf paradoxe Weise zugleich komplementär vereint (Ehe) und differenzierend trennt (Mann/Frau) und untersucht ihre interkulturelle Relativität sowie ihr Verhältnis zu den Unterscheidungsmechanismen von Alter und Verwandtschaft. Im Gegensatz zur trennenden, anomisch wirkenden Geschlechterklassifikation verknüpft Verwandtschaft die Geschlechter netzwerkartig und erscheint als ein der Geschlechterdifferenzierung gegenläufiges Prinzip, dem "spezifisch gegengeschlechtliche Beziehungen konstitutiv inhärent sind." In der (frühen) gesellschaftsstrukturellen Entwicklung hatte Verwandtschaft gegenüber der Geschlechterklassifikation als primäres gesellschaftliches Differenzierungsprinzip das größere Potenzial. Aktuell stellt sich, so Tyrell, die Frage nach dem "evolutionären Schicksal" der geschlechtlichen Differenzierung, nach ihrer "sozialstrukturellen Weiterverwendung" im Zuge der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Evolution (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Semantik (ST); Sprache (ST/RK); Struktur (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1980): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 1.
•  Luhmann, Niklas (1981): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System. Gesellschaft, Organisation.
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].






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