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Varela, Francisco J. (1987): "Autonomie und Autopoiese [kommentiert (RK)]", in: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 119-132. [engl.: "Autonomy and Autopoiesis", in: Roth, Gerhard / Schwegler, Helmut (ed.): Self-organizing systems: an interdisciplinary approach. Frankfurt a. M./New York 1981,
14-23].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

In diesem Artikel nimmt Varela eine Klärung der Begriffe Autonomie und Autopoiese vor. Autopoiese - verstanden als Selbsterzeugung und Selbstregelung - ist ein Konzept zum Verständnis biologischer Phänomene und impliziert deren Autonomie: natürliche Systeme, die autopoietisch funktionieren, sind immer auch autonome Systeme. Umgekehrt sind aber nicht alle autonomen Systeme auch autopoietisch, ein Umstand, der, so Varela, oft übersehen wird. Er analysiert diese undifferenzierte Gleichsetzung, indem er zunächst die Mechanismen der Autopoiese darstellt.

Autopoiese kennzeichnet den einheitlichen Charakter lebender Organismen im physikalischen Raum, Autonomie hingegen ist ein allgemeines Kennzeichen, das auch auf nicht-autopoietische Interaktionsräume, so zum Beispiel auf soziale Systeme wie menschliche Institutionen zutrifft. Solche Interaktionsräume als autopoietische aufzufassen, ist nach Varela ein Kategorienfehler, da Autopoiese per definitionem auf Prozesse der Erzeugung von chemisch-physikalischen Bestandteilen innerhalb topologischer Grenzen beschränkt ist. Der Begriff der Autopoiesis ist deshalb, so Varela, nicht ohne weiteres auf soziale Systeme anwendbar. Für beide Konzepte - Autopoiese und Autonomie - ist jedoch konstitutiv, dass sie auf "organisationell geschlossene" Einheiten anwendbar sind. Organisationell geschlossene Einheiten sind bestimmt durch ein Netzwerk von Interaktionen ihrer Bestandteile, die rekursiv das Netzwerk regenerieren, aus dem sie hervorgehen. Wenn die organisationelle Geschlossenheit zerfällt, dann zerfällt auch die Einheit des Systems und damit ihr autonomer Charakter. Als Beispiele für organisationell geschlossene bzw. autonome Systeme, die in lebenden Systemen vorkommen, nennt Varela das Immunsystem, das Nervensystem und Zellsysteme. Er betont, dass diese in "sehr verschiedenen Interaktionsbereichen" existieren.

Varela weist in diesem Text wiederholt darauf hin, dass die Entwicklung des Autonomiekonzepts eine Neufassung des Informationsbegriffs darstellt. Er kontrastiert sein Modell mit den Input-Output-Modellen des Computationalismus, der Bedeutung als "Instruktion" und "Kontrolle" interpretiert. Im Gegensatz dazu konzipiert das Autonomiemodell die BeobachterIn als Teil eines autonomen Systems, sie agiert nicht extern beschreibend, sondern die aus ihren Beobachtungen resultierenden Beschreibungen sind selbst Elemente der systemischen Organisation und gestalten diese interaktiv mit. Es gibt keine externe Sicht auf das System, sondern nur systeminterne Beschreibungen, die BeobachterIn befindet sich immer im hermeneutischen Zirkel der Interpretation: "Das grundlegende Paradigma unserer Interaktionen mit einem autonomen System ist ein Gespräch, und die unterwünschten Ergebnisse sind Verstehensabbrüche." (129)







Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Kognition (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Struktur (ST/RK); Funktion (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Fischer, Hans Rudi (1993): Autopoiesis. Eine Theorie im Brennpunkt der Kritik.
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1982): "Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation"
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Zeleny, Milan (Hg.) (1981): Autopoiesis. A Theory of Living Organization.

Externe Links
•  Homepage Francisco Varela (1946-2001)





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