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Vasterling, Veronica (1999): "Butler's Sophisticated Constructivism: A Critical Assessment [kommentiert (D)]", in: Hypatia 14 (3), 17-38, http://muse.jhu.edu/journals/hypatia/v014/14.3vasterling.html.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

In dem 1999 veröffentlichten Artikel "Butler's Sophisticated Constructivism" (2001 in einer stark gekürzten deutschen Übersetzung erschienen) behandelt Vasterling unter dem Stichwort "radikaler Konstruktivismus" die Probleme des sprachlichen Monismus ("Es gibt nichts außer Sprache!") und des sprachlichen Determinismus ("Das Subjekt ist in seinem Denken und Handeln vollständig durch Sprache bestimmt!") in den Arbeiten Butlers, wobei sie sich vor allem auf Bodies That Matter bezieht. Die Wendung "radikaler Konstruktivismus" wird dabei nicht im Anschluss an das erkenntnistheoretische Programm Maturanas, Glaserfelds, Försters, S. J. Schmidts u.a. verstanden, sondern als die mehr oder weniger popularisierte poststrukturalistische Position, dass die gesamte Wirklichkeit - selbst das vermeintlich Natürlichste und Materiellste wie der Körper und das biologische Geschlecht - sprachlich und diskursiv konstruiert sind.

Während nach Vasterling die These, dass der Körper immer schon sprachlich konstruiert ist, ontologisch verstanden, notwendigerweise einen sprachlichen Monismus impliziert (gleichbedeutend mit der Behauptung, dass der Körper nichts anderes ist als die Summe seiner sprachlichen Konstruktionen), ist sie epistemologisch durchaus haltbar - gleichbedeutend mit der Position, dass der Körper nur als ein sprachlich konstruierter intelligibel ist (18f.). Ebenso argumentiert Vasterling mit Butler, dass die poststrukturalistische Konzeption eines Subjekts, das durch Bedeutungsketten und Machtverhältnisse konstituiert ist, die es nicht vollständig kontrollieren kann (27), nicht automatisch einen sprachlichen Determinismus impliziert, der die Möglichkeit jeder Handlungsfähigkeit (agency) ausschließt, sondern mit der Konzeption eines intentionalen, reflexiven Subjekts, das zu überlegten und zweckgerichteten Handlungen in der Lage ist, durchaus kompatibel ist.

Vasterling, die weitgehend mit der Position Butlers sympathisiert und diese zu stärken versucht, befragt in der Folge Butlers Thesen zur Konstruiertheit des Geschlechts und zur Materialität der Körper auf ihre mehr oder weniger impliziten epistemologischen, ontologischen und handlungstheoretischen Voraussetzungen und Konsequenzen. Gleichzeitig unterwirft sie die zentralen Begriffe in Butlers Theoriekonzeption - Sex, Gender, Körper, Materialität, Referentialität, Sprache, Macht, Handlungsfähigkeit, Subjekt - einer genauen Analyse und versucht, einzelne Schwachstellen in Butlers Argumentationen aufzuzeigen.

Vasterlings Aufsatz liefert einen wichtigen Beitrag zur Frage der Konstruktion von Geschlecht und versucht, Butlers Thesen durch Bezugnahme auf die Phänomenologie, die Hermeneutik sowie Kant und Arendt zu präzisieren. Indem Vasterling jedoch zwischen Butlers poststrukturalistischem Feminismus einerseits und Benhabibs und Frasers emanzipatorischem Feminismus andererseits zu vermitteln versucht, tendiert sie dazu, zentrale Punkte in Butlers Argumentation zu verwässern.

Siehe auch: Sprache (D); Subjekt (D); Konstruktion (D); Handlungsfähigkeit (D); Iterabilität (D); Interpellation (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1993): "Für ein sorgfältiges Lesen [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1993): "Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der Postmoderne [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].






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