Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Vinken, Barbara (Hg.) (1992): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika [kommentiert (D)]. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Der Sammelband Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika enthält vierzehn Aufsätze, die alle - bis auf Vinkens Einleitung und Menkes Nachwort - in der ersten Hälfte der 80er Jahre im englischen Sprachraum erschienen sind. Im Mittelpunkt aller Beiträge steht die feministische Lektüre literarischer Texte. Während die ersten beiden Teile, "Defiguration" und "Refiguration", dekonstruktive Ansätze präsentieren, umfasst der dritte Teil "Repräsentation" eher traditionelle Lektüren und dient vor allem der Abgrenzung. Dekonstruktiver Feminismus bezeichnet hier eine bestimmte Lektürepraxis, deren theoretische Grundlagen - neben der feministischen Aneignung der Psychoanalyse durch Irigaray, Felman, Ross, Mitchell u.a. - im Dekonstruktivismus der so genannten Yale School mit ihrem Hauptvertreter Paul de Man zu finden sind.

Seinen prägnantesten Ausdruck findet der dekonstruktive Feminismus vielleicht in der Behauptung, dass die Geschlechtsdifferenz weder biologisch noch soziokulturell, sondern 'rhetorisch' verfasst ist, wie Vinken in der Einleitung schreibt (19). Weiblichkeit, weibliches Lesen und weibliches Schreiben werden zu Chiffren von Differenz überhaupt, deren Ziel nicht ist, eine spezifisch weibliche Identität oder Erfahrung in literarischen Texten aufzuspüren, sondern das differentielle Moment (bzw. die différance) des Textes aufzudecken, das von einer identifikatorischen und alle Differenzen auslöschenden phallizistischen, 'männlichen' Lektüre unterdrückt wird. Der dekonstruktive Feminismus versucht, "die Naturalisierung der symbolischen Ordnung in Anatomie zu zersetzen und die in der symbolischen Ordnung verdrängte Differenz zurück ins Spiel zu bringen" (26).

Im Unterschied zu einem Feminismus, der den literarischen Text als Ausdruck und Repräsentation authentischer (weiblicher oder männlicher) Erfahrung eines Autorsubjekts liest (und damit die ganze metaphysische Last des hermeneutisch-humanistischen Text- und Subjektbegriffs übernimmt), steht der dekonstruktive Feminismus für ein tropenkritisches Unternehmen der Defiguration und Refiguration, "in dem Sexualität und Textualität als differentielle Relationen und nicht als essentielle Gegebenheiten auftreten" (19).

Siehe auch: Dekonstruktion (D); Différance (D); Identität (D); Subjekt (D); Text (D); Rhetorik (D); Lektüre (D); Essentialismuskritik (D)

Literaturhinweise
•  de Man, Paul (1979): "Semiology and Rhetoric [kommentiert (D)]"
•  de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]"
•  Johnson, Barbara (1995): "Gender Theory and the Yale School"
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive