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Watzlawick, Paul (1985): "Selbsterfüllende Prophezeihungen [kommentiert (RK)]", in: Watzlawick, Paul (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München: Piper, 91-110. [engl.: "Self-Fulfilling Prophecies", in: The Invented Reality: How Do We Know What We Believe We Know? New York: Norton 1984, 95-116].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Bei so genannten selbsterfüllenden Prophezeiungen handelt es sich um Phänomene, so Watzlawick, die eine wirklichkeitschaffende Kraft haben. Entscheidend sind dabei Erwartungshaltungen und Vorstellungen, die sich auf ein zukünftiges Ereignis beziehen und so intensiv sind, dass sie damit Handlungen auslösen, die in der Folge das vorgestellte Ereignis herbeiführen, wodurch die Richtigkeit der Voraussage bestätigt wird. Das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiungen, das beispielsweise in der Medizin als Placebo-Effekt in zahlreichen Experimenten untersucht oder in der Werbung gezielt eingesetzt wird, illustriert beeindruckend die Wirkungsweise von individuellen Wirklichkeitskonstruktionen - eine Thematik, die in wissenschaftlichen Diskursen in der Regel abstrakt abgehandelt wird und die Watzlawick in diesem anschaulichen Artikel anhand zahlreicher und mitunter sehr amüsanter Beispiele sehr gut zu illustrieren versteht. Irreführend hingegen ist seine Behauptung, dass selbsterfüllende Prophezeiungen physikalische Kausalitätsbeziehungen umkehren würden. Korrekterweise müsste gesagt werden, dass Projektionen (als psychische Phänomene) wirken, so dass das erwartete Ereignis eintritt, als ob die Zukunft in die Gegenwart wirke.

Als eines von vielen Beispielen für die tief greifenden Wirkungen von Erwartungen und Vorurteilen schildert Watzlawick die von Robert Rosenthal durchgeführten "Oak-School-Experimente": Zu Beginn eines Schuljahres wurden SchülerInnen einem Intelligenztest unterzogen. Anschließend wurde den Lehrpersonen das Ergebnis mit einer Liste von den angeblich begabtesten SchülerInnen übergeben, die das Potenzial hätten, ihren IQ im Laufe des nächsten Schuljahres noch zu verbessern. Die Liste bestand aus völlig willkürlich ausgewählten Namen, dennoch ergab ein Intelligenztest am Ende des Schuljahres bei diesen SchülerInnen eine signifikante Steigerung gegenüber ihren Testergebnissen vom Schulanfang. Diese war darauf zurückzuführen, dass die vermeintlich Hochbegabten von den Lehrpersonen entsprechend anerkennend und mit besonderer Zuwendung betreut worden waren.
In der Psychiatrie seien die Auswirkungen solcher Phänomene mitunter besonders erschreckend, so Watzlawick, der selbst aus der therapeutischen Praxis kommt. Die Pathologie verfüge über detaillierte Kataloge zur Definition von abnormem Verhalten, während psychische Gesundheit nur in sehr vagen und allgemeinen Begriffen beschrieben werden könne. "Dies öffnet selbsterfüllenden Diagnosen Tür und Tor" (101), konstatiert Watzlawick. Eine besonders missbräuchliche Form des Umgangs mit selbsterfüllenden Prophezeiungen sei politische Propaganda. All diese Beispiele, so Watzlawick, veranschaulichen sehr eindringlich, dass wir anderen gegenüber eine enorm große Verantwortung haben und zeigen, "welches Loch [diese Ergebnisse] in die bequeme Annahme der überragenden Rolle von Vererbung und Anlage reißen." (98)








Siehe auch: Rekursion (RK); Viabilität (RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Handlung (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Wissen (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Beobachtung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Rusch, Gebhard / Schmidt, Siegfried J. (Hg.) (2000): DELFIN 1998/99. Konstruktivismus in Psychiatrie und Psychologie..
•  Watzlawick, Paul (1976): Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen..
•  Watzlawick, Paul / Krieg, Peter (Hg.) (1991): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Eine Festschrift für Heinz von Foerster.

Externe Links
•  Homepage Radical Constructivism
•  Beats Bibliothek zum Radikalen Konstruktivismus
•  Linkothek zum Radikalen Konstruktivismus





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