Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Weinbach, Christine / Stichweh, Rudolf (2001): "Geschlechterdifferenz in der funktional-differenzierten Gesellschaft [kommentiert (ST)]", in: Heintz, Bettina (Hg.): Geschlechtersoziologie, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 41/2001. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 3052.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de


Christine Weinbach und Rudolf Stichweh fragen nach der strukturellen Bedeutung der Ge-schlechterdifferenz in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft. Handelt es sich bei aktuellen Kommunikationen des Geschlechts nur noch um Relikte vergangener Gesellschaftsordnungen oder werden Geschlechterdifferenzen als notwendige Funktion der Strukturbildung auch in modernen Gesellschaften ständig neu hergestellt? Bei der Diskussion dieser Fragestellung dienen ihnen die Systemtheorie und ihr evolutionäres Schema der funktionalen Differenzierung als analytisches Instrumentarium. Sie untersuchen exemplarisch die Funktionssysteme Politik und Familie/Intimbeziehungen, ferner die Systembildungsebenen der Organisation und Interaktion, sowie die Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein.

Historisch war in stratifizierten Gesellschaften eine Totalinklusion gegeben, jedem Individuum kam in der Ständehierarchie eine feste Position und ein festgelegtes Rollenset zu. Erst mit dem Übergang zu funktional differenzierten Gesellschaften kommt es zu vorübergehenden Inklusionen sozialer AkteurInnen in einzelne Funktionssysteme und zur ihrer Exklusion aus der Umwelt dieser Systeme. Frauen werden in modernen Gesellschaften nicht länger durch den Mann mitrepräsentiert, sondern sie sind ihm zunehmend gleichgestellt und treten historisch erstmalig in Konkurrenz zu ihm. Das Geschlechterverhältnis ist heute im Prinzip auf die Gleichstellung von Mann und Frau hin angelegt. Die Semantik der modernen Gesellschaft kreist um Begriffe wie Freiheit und Gleichheit und es wird zunehmend unplausibel, Zugangsbeschränkungen an sozialen Schichtungen oder an Geschlechterdifferenzen festzumachen.

Entgegen der in der Geschlechterforschung weit verbreiteten Auffassung der Omnirelevanz der Geschlechterdifferenz vertreten Weinbach und Stichweh mit dieser Argumentation die Modernisierungsthese, dass Frauen zunehmend unabhängig von der Geschlechtszuschreibung in den einzelnen Funktions- und Organisationssystemen inkludiert oder von ihnen exkludiert werden. Andererseits kommt es trotz der Abnahme der Relevanz der Geschlechterdifferenz in funktionalen Systemkontexten immer wieder zu Geschlechtsunterscheidungen. Den Grund dafür sehen die beiden AutorInnen darin, dass AkteurInnen immer noch auf schnell verfügbare und handhabbare Reduktionen von Komplexität angewiesen sind. Gerade in Situationen mit geringer Erwartungssicherheit scheinen beispielsweise visuelle Wahrnehmungen an Bedeutung zu gewinnen.

In Organisationskontexten werden Mitglieder vergeschlechtlicht "personalisiert", um vertraute und scheinbar stabile Verhaltenserwartungen aus anderen Bereichen zu "importieren". Solche geschlechtlich differenten Rollenerwartungen aktivieren Stereotype und befördern einen Wiedereintritt der Geschlechterdifferenz in die systemische Kommunikation. In diesem Spannungsfeld von systemisch-funktionalem Relevanzverlust und unbestimmter situativer Mobilisierung bleibt Geschlechterungleichheit deshalb auch in der Moderne ein kontingentes Phänomen.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Kontingenz, doppelte (ST); Struktur (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1975): Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft.
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1994): Soziologische Aufklärung 4. Beiträge zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft.
•  Luhmann, Niklas (1995): Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch.
•  Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive