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Wilz, Syvia Marlene (2002): Organisation und Geschlecht. Strukturelle Bindungen und kontingente Kopplungen [kommentiert (ST)]. Opladen: Leske + Budrich Verlag.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Sylvia Marlene Wilz geht in ihrem Buch der Frage nach, ob ein Zusammenhang zwischen Organisation und Geschlecht besteht. Sind Organisationen geschlechtsneutral oder sind sie strukturell "gendered"? In einer Fallstudie untersucht sie in einem Versicherungsunternehmen den Reorganisationsprozess im Innendienst und welche Relevanz Geschlecht bei dem Um-strukturierungsprozess in einem gemischtgeschlechtlichen und formal egalitären Bereich hat. Sie beobachtet, ob sich informelle Arbeitsteilungen, Netzwerke oder Subkulturen ergeben und wie Karrieren innerhalb dieser Strukturen und Prozesse verlaufen. Bei ihren Analysen kommen auch konstruktivistische und systemtheoretische Überlegungen zur Anwendung.

Die Ergebnisse von Wilz sind ambivalent. Einerseits sind Organisationen in gesellschaftliche Strukturen eingebunden und Geschlecht ist ihrer Meinung nach ein gesellschaftliches Strukturverhältnis. Wilz stellt entsprechend die asymmetrische Positionierung, die Ungleichstellung von Frauen und Männern empirisch fest. Andererseits ist Geschlecht aber nicht omnipräsent bzw. omnirelevant. Systemspezifische Verfahren und normative und kognitive Ord-nungen gelten übergeschlechtlich. Auch wenn sie Ressource und Ergebnis von Geschlechtskonstruktionen darstellen, sind Organisationen nicht systematisch vergeschlechtlicht. In Arbeitspraxen und -normen spielt die Geschlechterdifferenz keine systematische Rolle, in der Legitimation von Personalentscheidungen kann Geschlecht, aber es muss nicht relevant sein. Die Analyse von Wilz kennzeichnet deshalb die Kommunikation von Geschlecht in Organisationen nicht als irrelevant, aber auch nicht als omnirelevant. Die Kategorie Geschlecht er-weist sich vor allem als ein Differenzierungskriterium, das der Reduktion von Komplexität bei organisatorischen Entscheidungen, insbesondere bei Personalentscheidungen, dient. Doch die Geschlechterasymmetrie ist nicht in einem 1:1 Verhältnis mit hierarchischen Positionierungen verflochten. Sie begründet sich durch Definitions- und Entscheidungsmacht in den Hierarchien, mit Selbst- und Fremdpositionierungen innerhalb geteilter Sinnsysteme, doch nicht immer und überall mit Ungleichheit generierender Relevanz.

Wilz verweist auch auf jüngere Ergebnisse der Organisationsforschung und kritisiert ste-reotype Erklärungsansätze in der Genderforschung, die zumeist von biologisch fundierten und/oder kulturellen Unterschieden zwischen Männern und Frauen ausgehen. Sie betont stattdessen, dass empirisch Prozesse sozialen Wandels beobachtbar sind, die dazu führen, dass sich die Lebenslagen und Lebensorientierungen von Männern und Frauen annähern und strukturelle Differenzierungen brüchiger werden. Frauen sind zwar in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert, insgesamt sind die Differenzen im Führungsverhalten und in den Handlungsorientierungen von Frauen und Männern aber eher gering.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kontingenz, doppelte (ST); Macht (ST/RK); Struktur (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1975): Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft.
•  Luhmann, Niklas (1981): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System. Gesellschaft, Organisation.
•  Luhmann, Niklas (1988): Die Wirtschaft der Gesellschaft.






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