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Ziemke, Axel / Stöber, Konrad (1992): "System und Subjekt [kommentiert (RK)]", in: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 42-75.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Ziemke und Stöber versuchen in diesem interessanten und anspruchsvollen Artikel auf der Grundlage des Hegelschen Subjekt- und Zweckbegriffs eine Reinterpretation von kybernetischen Theorien lebender Systeme, wobei sich die Autoren insbesondere auf Maturanas Theorie der Autopoiesis beziehen. Diese erfasst Kognition als effektives Handeln in der Einheit von Setzung und Voraussetzung: Kognitionsprozess und Lebensprozess sind identisch, so die zentrale These. Die Autoren konfrontieren Hegels Konzept des subjektiven Zwecks mit zentralen Konzepten der Autopoiesis-Theorie - der Selbstorganisation, der operationalen Geschlossenheit und der konsensuellen Bereiche - wobei diese Konzepte als empirische Konkretisierungen von Hegels abstrakten Begrifflichkeiten dargestellt werden.Die kybernetische und autopoietische Theorie lebender Systeme intendiere, so die Autoren, analog zu Hegels Theorie eine Vermittlung von teleologischen und mechanischen Beschreibungen und versuche, teleologisches Verhalten mit dem Konzept der Selbstreferenzialität, d.h. als Organisation von Rückkopplungsschleifen, zu erklären: konkretes Verhalten wird jeweils durch die Differenz zwischen aktuellem Systemzustand und einem als Zweck interpretiertem Endzustand gesteuert, der als Referenzwert von einem Übersystem (vor-)gegeben ist.

Der subjektive Zweck ist bei Hegel als Äußerlichkeit der Zweckbeziehung bestimmt. Dies, so die Autoren, hat zur Folge, dass die Bestimmung der Subsysteme nur formal, aber nicht real ist. So verweist die Frage nach der Zwecksetzung auf das Erkenntnissubjekt, das jene letzten Referenzen selbst setzt. Die Parallele zwischen teleologischer Setzung bei Hegel und den Modellen der Selbstorganisation besteht darin, so die Autoren, dass Modelle der Selbstorganisation die Emergenz von Zwecken aus dem beschreiben, was Hegel "Mechanismus" oder "Chemismus" nennt. Lebende Systeme sind autonom, weil sie mit ihrem Medium strukturell gekoppelt, aber von ihm nicht determiniert sind. Lebende Systeme sind operational geschlossen, weil sie in einem kognitiven Verhältnis zu ihrem Medium stehen. Sie setzen Randbedingungen voraus, aber diese Randbedingungen werden von ihnen gleichzeitig produziert. An dieser Stelle verweisen die Autoren auf ein Zitat aus Hegels Wissenschaft der Logik (III, 276): "Mit der Bemächtigung des Objekts [hier: Randbedingungen, Medium] geht der mechanische Prozess in den inneren über, durch welchen das Individuum sich das Objekt so aneignet, dass es ihm die ihm eigentümliche Beschaffenheit nimmt, es zu seinem Mittel macht und seine Subjektivität ihm zur Substanz gibt." (60)

Individuen, lebende Systeme, stehen nicht für sich, sondern in einem Gattungszusammenhang. Der menschliche Gattungszusammenhang geht jedoch über die unmittelbar-interindividuellen Beziehungen des biologischen Fortpflanzungs- und Sozialverhaltens hinaus. Maturana bringt dies mit dem Begriff der konsensuellen Bereiche zum Ausdruck, in dem sich Individuen einer Gattung aufeinander beziehen. Die Stufe der Reflexion, der Sprache, ist, wie im Falle der menschlichen Kommunikation erreicht, wenn Operationen von Individuen in einem sprachlichen Bereich zur Koordination von Handlungen führen. "Individuen beziehen sich über die Sprache als gattungsimmanentes Allgemeines auf sich selbst als Gattungswesen" (69). Sprache und Schrift werden nicht unmittelbar interindividuell, sondern in einem komplexen Gefüge von Koordinationsprozessen vermittelt, wobei in der Strukturdeterminiertheit von Individuen ihre jeweilige Besonderheit im hegelschen Sinne "aufbewahrt" ist, oder mit Maturana gesprochen: "Das Phänomen der Kommunikation hängt nicht davon ab, was übermittelt wird, sondern von dem, was im Empfänger geschieht." (69)







Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Kognition (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Subjekt (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Rekursion (RK); System/Umwelt (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Struktur (ST/RK); Funktion (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1965): Wissenschaft der Logik. Bd. I-III.
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Kognition [kommentiert (RK)]"
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Varela, Francisco J. (1987): "Autonomie und Autopoiese [kommentiert (RK)]"






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