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Braidotti, Rosi / Butler, Judith (1994): "Feminism by Any Other Name. An Interview [kommentiert (D)", in: Differences 6 (2/3), 27-61.



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Bei diesem Text handelt es sich um ein Interview, das Judith Butler mit Rosi Braidotti in Form eines brieflichen bzw. gefaxten Austauschs über den Atlantik hinweg geführt hat und das durch eher kurz angelegte Fragen Butlers und ausführliche Antworten Braidottis gekennzeichnet ist.

Braidotti konzentriert sich auf den Problemkreis der institutionellen und theoretischen Situation der Gender und Women Studies in Europa, auf ihr Verhältnis zueinander sowie auf das Verhältnis der europäischen zu den anglo-amerikanischen Institutionen. Sie votiert für eine feministische Kritik am Rassismus, Nationalismus und Eurozentrismus in einem Europa, für das die Überwindung der Nationalismen und Ausschlussmechanismen, die für die europäische Geschichte charakteristisch gewesen sind, höchstes Ziel sein sollte (31).

Braidotti setzt sich in Reaktion auf die Fragen Butlers mit dem insbesondere im anglo-amerikanischen Sprachraum propagierten Begriff Gender auseinander. Ihre Skepsis gegenüber diesem Begriff gründet in den politischen und institutionellen Konsequenzen, die er nach sich zieht - Deradikalisierung und Entpolitisierung der feministischen Agenda bei gleichzeitiger Wiedervermarktung von Maskulinität und männlich homosexueller Identität (43). Dabei wendet sie sich dezidiert gegen jede Form des Essentialismus und favorisiert eine Theorie der sexuellen Differenz im Anschluss an Irigaray u.a.

Braidotti diagnostiziert eine Krise des Begriffs Gender in der feministischen Theorie und Praxis. Den Begriff selbst bezeichnet sie als ein Zufallsprodukt der englischen Sprache - für die theoretischen Traditionen französischer Provenienz hat er nur geringe Relevanz. Sie geht davon aus, dass die Sex-Gender-Unterscheidung als Grundpfeiler der englischsprachigen feministischen Theorie in den nicht-englischsprachigen europäischen Ländern weder epistemologisch noch politisch Sinn macht und plädiert stattdessen für die Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Kontextes (38). Der Fokus auf Gender statt auf sexueller Differenz dient letztlich dazu, eine falsche Symmetrie zwischen Männern und Frauen vorauszusetzen und zu institutionalisieren.

Gleichzeitig jedoch steht Braidotti auch dem Begriff der Differenz eher kritisch gegenüber. Gemäß jenem Paradox der gleichzeitigen Globalisierung und Fragmentierung, das u.a. in der Koinzidenz des Projekts des europäischen Föderalismus mit einer nationalistischen und rassistischen Regression seinen Ausdruck findet, wird Differenz zu einem Terminus mit essentialistischen und damit 'tödlichen' Konnotationen. Braidotti votiert für eine Wiederaneignung und Loslösung des Begriffs der Differenz von Macht, Beherrschung und Ausschließung durch eine Strategie der kreativen mimetischen Wiederholung. Statt sexuelle Differenz im Zuge eines polemischen "Anti-Essentialismus" vorschnell zu verwerfen, wertet Braidotti sexuelle Differenz "as aiming at the symbolic empowerment of the feminine understood as 'the other of the other': as a political project." (48) Die feministische Theorie ist mit dem Paradox konfrontiert, dass weibliche Identität sowohl in Anspruch genommen als auch dekonstruiert werden muss.

Braidotti plädiert für ein vielschichtiges Projekt der sexuellen Differenz. Während die sexuelle Differenz auf der Ebene der Diagnose und der Beschreibung die Heterosexualität als Ort der Macht und der Herrschaft identifiziert, fordert sie auf der programmatischen Ebene die Idee der Heterosexualität heraus. Entscheidend ist die Anerkennung der Asymmetrie zwischen den Geschlechtern, die keine Umkehrung erlaubt, da sie damit lediglich in der Dialektik der Beherrschung verbleiben würde. Was auf dem Spiel steht, ist der politische Wille, die Differenzdebatte wieder mit der körperlichen Existenz und Erfahrung von Frauen zu verbinden.

Siehe auch: Essentialismuskritik (D); Différance (D); Identität (D)

Literaturhinweise
•  Braidotti, Rosi (1994): Nomadic Subjects. Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory.
•  Butler, Judith / Cornell, Drucilla (1998): "The Future of Sexual Difference: An Interview with Judith Butler and Drucilla Cornell [kommentiert (D)]"






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