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Bürscher, Sabine (1996): "Die Radikalität der Erkenntnis. Feministische Theorieproduktion und Radikaler Konstruktivismus [kommentiert (RK)]", in: (Hg.): Institut für Philosophie, Unveröffentlichte Diplomarbeit. Wien: Universität Wien.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at


Feministische Theorienbildung mit dem Radikalen Konstruktivismus zusammen zu denken - diese Aufgabe stellt sich Sabine Bürscher in ihrer Diplomarbeit, die von der Leitfrage ausgeht, ob und inwieweit der radikale Konstruktivismus eine diskursive Bereicherung für die feministische Debatte bieten kann. Nach der Darstellung der Genese feministischer Theorienbildung thematisiert Bürscher Positionen feministischer Psychoanalyse anhand von Luce Irigaray und der Objektbeziehungstheorie und stellt die Argumentationen des Differenzfeminismus und feministischer Standpunktheorien vor. Abschließend skizziert sie die postmodernen dekonstruktivistischen Ansätze von Judith Butler und Jacques Derrida. Im zweiten Teil der Arbeit bietet Bürscher, vorrangig am Beispiel von H. Maturana und F. Varela, eine sehr klar gegliederte und gut lesbare Einführung in den Radikalen Konstruktivismus und arbeitet einige wichtige Kritikpunkte an zentralen Thesen, die sich insbesondere aus der Theorie der Autopoiese ergeben, heraus.

Der dritte Teil ist der Zusammenführung der zuvor dargestellten Theorien gewidmet und versucht, den Anspruch der Aufgabenstellung einzulösen. Der Radikale Konstruktivismus sei, so Bürscher, weder eine postmoderne noch eine feministische Kognitionstheorie, er blende strukturelle gesellschaftliche Machtverhältnisse aus und thematisiere die Geschlechterdifferenz in keiner Weise. Dennoch ist der Radikale Konstruktivismus ihrer Auffassung nach dazu geeignet, die essentialistischen Ansichten verschiedener Differenzfeminismen ebenso wie die Ausblendung von Körperlichkeit und Materialität in aktuellen postmodernen Ansätzen auszugleichen. Er biete die Chance, jegliche Formen von Universalisierung und Ontologisierung als Konstrukte aufzufassen - auch die empirische Konstatierung von Geschlechterdualitäten. Mit Butler spricht sich Bürscher für eine "temporäre Pluralität der Identitäten" aus.

In Bezug auf die Geschlechterfrage gestatte es der Radikale Konstruktivismus, mehr als zwei Geschlechter oder Geschlechtsidentitäten anzunehmen, indem der Geschlechterbegriff mit anderen kategorialen Bestimmungen gekoppelt bzw. die Bedeutung von Identitäten überhaupt relativiert wird. Insofern weist der Radikale Konstruktivismus inhaltliche Parallelen zu feministischen postmodernen Theorien auf, die den Konstruktionsbegriff ebenso umfassend verwenden und vorgeblich vordiskursive Komponenten als diskursive Konstrukte markieren. Im Gegensatz zu Butlers Position, so Bürscher, könnten im Radikalen Konstruktivismus jedoch konkret erlebte körperliche Erfahrungswirklichkeiten trotz ihres diskursiven Konstruktionscharakters thematisiert werden, ohne dabei universalisierend oder naturalisierend zu verfahren. Zusammenfassend kommt Bürscher zum Ergebnis, dass der Radikale Konstruktivismus deskriptive Begrifflichkeiten bereitstellen könne, die zeigen, dass soziale Strukturen und Normen konstruiert und damit auch jederzeit veränderbar sind. Ethisch-politische Ansprüche, wie beispielsweise eine Ethik der Toleranz oder die Favorisierung eines Geschlechterpluralismus können postuliert werden, sie sind jedoch "im Kontext der Kognitionstheorie im Prinzip nicht begründbar", wie Bürscher feststellt(158).






Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kognition (ST/RK); Viabilität (RK); System, soziales (ST/RK); Macht (ST/RK); Handlung (ST/RK); Wissen (ST/RK); Verstehen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy (1993): Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].
•  Glasersfeld, Ernst von (1985): "Einführung in den radikalen Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Krüll, Marianne (1990): "Das rekursive Denken im radikalen Konstruktivismus und im Feminismus [kommentiert (RK)]"
•  List, Elisabeth (1997): "Das lebendige Selbst. Leiblichkeit, Subjektivität und Geschlecht [kommentiert (RK)]"
•  Moser, Sibylle (2001): "Vernetzte Beobachtungen, gesetzte Differenzen. Wissenschaftstheorie im Schnittpunkt von Feminismus und Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Moser, Sibylle (2002): "Observing Differences, Embodying Knowledge. Radical Constructivism Meets Feminist Epistemology"






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