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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Rhetorik (D)

Das neue Interesse an der Rhetorik, ursprünglich als ars bene dicendi gefasst, prägte im Anschluss an Nietzsche vor allem die amerikanische Dekonstruktion um Paul de Man, der den Schlüssel zu Nietzsches Metaphysikkritik im rhetorischen Tropenmodell lokalisiert und in der Literatur als der am ausdrücklichsten in der Rhetorik begründeten Sprache. Rhetorik wird nicht länger als eine bewusste Manipulation zum Zweck der Persuasion verstanden, die von außen an die Sprache herantritt, sondern als eine Eigenschaft, die der Sprache und dem Sprechen aufgrund ihrer tropologischen Struktur selbst inhärent ist. Sprache ist Rhetorik, mit Nietzsche gesprochen.

--> Das programmatische Konzept der feministischen Dekonstruktion knüpft als 'Deontologisierung' der Geschlechterdifferenzen an Paul de Mans sprachphilosophische und rhetoriktheoretische Reflexionen an. Die Idee, wonach die figurale bzw. metaphorische Sprache nicht im binär bestimmten Gegensatz zur wörtlichen Bedeutung steht, wird von den feministischen DekonstruktivistInnen auf den Gegenstandsbereich der Geschlechtlichkeit übertragen. Bei Butler kommt de Mans Rhetorikkonzeption über die dekonstruktive Denkfigur der Metalepse ins Spiel. Butler betont die rhetorische Verfasstheit von Subjektivität und Identität und unterstreicht die performative Kraft der Tropen.

© Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Siehe auch: Sprache (D); Metalepse (D); Performativität (D)

Literaturhinweise
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]".
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Tropes (Nietzsche) [kommentiert (D)]".
•  de Man, Paul (1979): "Semiology and Rhetoric [kommentiert (D)]".
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]".
•  Vinken, Barbara (Hg.) (1992): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika [kommentiert (D)].

Bibliografie zum Glossareintrag

Form/Medium (ST)

Medien kennzeichnen nach Luhmann eine Menge lose gekoppelter Elemente, in denen sich Formen als Menge fix gekoppelter Elemente bilden. Medien machen Formen wahrnehmbar, sind selbst jedoch im Prozess der Formwahrnehmung unsichtbar. Medien bieten damit einen Raum für unwahrscheinliche, temporäre Strukturbildungen. Krämer betont, dass Form in der luhmannschen Unterscheidung nicht als zeitresistente Struktur, sondern als Vollzug gedacht wird. Sie bestimmt drei wesentliche Merkmale der beiden Seiten der Unterscheidung Medium/Form: 1) sie bedingen sich wechselseitig; 2) sie eröffnen einen Raum kombinatorischer Möglichkeiten; und 3) sie sind keine Entitäten, sondern Differenzen.

Luhmann verwendet die Unterscheidung Form/Medium, um die Entstehung von typisierten Kommunikationen bzw. Semantiken im Medium Sinn zu beschreiben. In der empirischen Beobachtung kognitionspsychologischer Forschungen erscheinen diese Formen bzw. Sinnvollzüge konkret als kognitive Schemata, Scripts etc. Luhmanns Theorie sozialer Systeme unterscheidet als Medien der Kommunikation die Sprache, Verbreitungsmedien wie etwa die Schrift und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Geld, Macht, Liebe oder Wahrheit. Ihre Bestimmungen überschneiden sich nur teilweise mit dem Medienbegriff der konstruktivistischen Medienkulturtheorie.

--> Luhmanns Unterscheidung von Medium/Form verdeutlicht, dass die Erfahrung von Geschlechtlichkeit wie jede Erfahrung immer selektiv vermittelt bzw. verkörpert wird. Die Geschlechterdifferenz resultiert auf kognitiver und sozialer Ebene aus selektiven Sinnbildungsprozessen im Medium Sinn. Als "Form Geschlecht" (Pasero) werden diese Selektionen in Geschlechtsschemata bzw. Geschlechtstypisierungen historisch beobachtbar. Jokisch bestimmt Geschlecht als distinkte Form, die im Medium der sexuellen Kommunikation angesiedelt ist. Interessant ist, dass Luhmann ähnlich wie Butler die Ebene sinnlicher Erfahrung in seinem Medienentwurf unterbelichtet.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Mediensystem (RK); Medienschema (RK); Schema (RK)

Literaturhinweise
•  Baecker, Dirk (1993): "Im Tunnel".
•  Luhmann, Niklas (1994): "Die Form der Schrift".
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]".
•  Pasero, Ursula (1995): "Dethematisierung von Geschlecht [kommentiert (ST)]".

Bibliografie zum Glossareintrag

Externe Links
•  Jokisch, Rodrigo (1997), Die Form der Medien (Online-Artikel)
•  Krämer, Sibylle (1998), Form als Vollzug (Online-Artikel)



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