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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus



Differenzierung, funktionale (ST)

Die Theorie funktionaler Differenzierung wendet die differenztheoretische Beobachtungsperspektive der allgemeinen Systemtheorie auf Modernisierungsprozesse, die im 18. Jahrhunderts im Rahmen europäischer Gesellschaften einsetzen, an. Aus evolutionstheoretischer Perspektive entwickeln sich die Strukturen sozialer Systeme von der Segmentierung über die Stratifizierung (Stände) hin zur funktionalen Differenzierung.

Ab einer kritischen Populationsdichte steigern soziale Systeme ihre interne Komplexität durch die Einführung spezifischer Selektionsmechanismen. Funktionale Differenzierung reduziert die Komplexität der Systemumwelt und führt zur Entwicklung interdependenter Teilsysteme, welche die Unterscheidung von System und Umwelt entlang systemspezifischer binärer Codes bzw. Leitdifferenzen reflektieren.

Funktional differenzierte Gesellschaften sind horizontal organisiert und verfügen über kein System, das alle anderen beobachten bzw. repräsentieren kann. Ihre Mitglieder sind selektiv in wechselnde Kommunikationszusammenhänge eingebunden und durchlaufen Individualisierungsprozesse, die auf die gesellschaftliche Organisation rückwirken. Hejl beschreibt die Wechselwirkung von moderner Individualisierung und funktionaler Differenzierung als selbsttragenden Prozess der Selbstorganisation.

--> Die Geschlechterdifferenz fungiert in segmentierten und stratifizierten Gesellschaften als archaisches Dual, das Mitglieder eindeutig zu einer Gruppe zuordnet, die spezifische soziale Funktionen erfüllt. In funktional differenzierten Gesellschaften steht sie quer zur Adressierung der AkteurInnen aufgrund ihrer Aufgaben in verschiedenen Funktionssystemen. Die systemtheoretische Geschlechterforschung ist deshalb mit der Beobachtung der Geschlechterdifferenz als sekundärer Differenzierung befasst: AkteurInnen werden im Rahmen von Interaktionen und Organisationen nach wie vor geschlechtsspezifisch typisiert, obwohl die primäre Funktion vieler Kommunikationszusammenhänge der Logik spezialisierter Teilsysteme unterliegt.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Leitdifferenz (ST)

Literaturhinweise
•  Heintz, Bettina (2001): "Geschlecht als (Un-)Ordnungsprinzip. Entwicklungen und Perspektiven der Geschlechtersoziologie [kommentiert (ST)]".
•  Hejl, Peter M. (1987): "Zum Begriff des Individuums. Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis von Psychologie und Soziologie".
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1986): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? [kommentiert (ST)].
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]".
•  Tyrell, Hartmann (1986): "Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation [kommentiert (ST)]".

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