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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Dekonstruktion (D)

Dekonstruktion ist ein von Derrida in den späten 60er Jahren geprägter Terminus (erstmals eingeführt in Grammatologie), der sowohl ein kritisch-destruktives als auch ein affirmativ-rekonstruktives Moment umfasst. Einerseits zielt Dekonstruktion - im Anschluss an Heideggers Versuch einer Destruktion der Metaphysik - auf die kritische In-Frage-Stellung des Systems binär hierarchisierter Oppositionen, das den Logozentrismus (d.h. die Privilegierung der metaphysischen Einheit von Wort und Sinn, Sprache und Denken) und die Metaphysik der Präsenz stützt; andererseits vermag die Dekonstruktion auf die Begriffe der Metaphysik nicht zu verzichten, wenn sie diese zu entlarven versucht. Darüber hinaus ist der Schwierigkeit Rechnung zu tragen, dass die Dekonstruktion der metaphysischen und rhetorischen Schemata der metaphysischen Begrifflichkeit selbst nicht entkommen kann, sondern diese lediglich auf andere Weise in die Philosophie wieder einzuschreiben vermag.

Der bevorzugte Terminus der Dekonstruktion ist folglich die Aporie. Derrida spricht zudem von zwei Stilen der Dekonstruktion, die miteinander verwoben sind: der eine ist begründender Art - vorgeführt werden logisch-formale Paradoxien; der andere ist geschichtlicher Art - der eines "Lesens von Texten", "einer sorgfältigen Interpretation und eines genealogischen Verfahrens" (vgl. Gesetzeskraft, 44). Zugleich jedoch widersteht Dekonstruktion jeder Definition und jeder Vereinheitlichung als Theorie. Nach Derrida ist Dekonstruktion - in Abgrenzung zu einem falsch verstandenen Dekonstruktivismus - weder Analyse noch Kritik, weder Methode noch Akt oder Operation insofern diese Begriffe selbst wiederum Gegenstand der Dekonstruktion sind. Das einzige, was sich von der Dekonstruktion positiv sagen lässt, ist, dass sie stattfindet. In jüngeren Arbeiten unterstreicht Derrida das politische Moment der Dekonstruktion und setzt sie "synonym" zu der immer im Kommen befindlichen Gerechtigkeit und Demokratie (vgl. Gesetzeskraft, Politik der Freundschaft).

In den USA wurde die Dekonstruktion zuerst von den Vertretern der so genannten Yale School (Paul de Man, Harold Bloom, Geoffrey Hartmann, Hillis Miller) als innovatives Paradigma poststrukturalistischer Literaturkritik rezipiert und im Rahmen der literary theory weiterentwickelt (vgl. Nünning 2001).

--> Dekonstruktive feministische Ansätze, wie sie vor allem in Nordamerika vertreten werden, knüpfen an die Arbeiten von Derrida und de Man an und verbinden diese mit marxistischen, psychoanalytischen, diskursanalytischen und rhetoriktheoretischen Überlegungen. Dekonstruktion heißt für die Ordnung der Geschlechter, das Modell ihrer Konstruktion und Implementierung zu exponieren. Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz kann folglich als ein Wi(e)derlesen im doppelten Sinne des Erneut- und Gegenlesens verstanden werden, mit dem Ziel, den Prozess ihrer figurativen Konstruktion und De-figuration lesbar zu machen (Menke). Kurzum, die Geschlechterdifferenz ist nicht ontologisch, sondern rhetorisch verfasst; sie verweist auf keine wie auch immer geartete zu Grunde liegende Essenz, sondern erweist sich als ein Effekt differentieller Prozesse im Sinne von Derridas différance.

© Anna Babka & Gerald Posselt (Stand: 6.10.03)

Siehe auch: Aporie (D); Konstruktion (D); Schrift (D); Différance (D)

Literaturhinweise
•  Cixous, Hélène (1997): "Sorties: Out and Out: Attacks/Ways Out/Forays [kommentiert (D)]".
•  de Man, Paul (1979): "Rhetoric of Persuasion (Nietzsche) [kommentiert (D)]".
•  Derrida, Jacques (1976): "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen [kommentiert (D)]".
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]".
•  Elam, Diane (1994): Feminism and Deconstruction: Ms. en abyme [kommentiert (D)].
•  Menke, Bettine (1995): "Dekonstruktion der Geschlechteropposition das Denken der Geschlechterdifferenz. Derrida [kommentiert (D)]".
•  Vinken, Barbara (Hg.) (1992): Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika [kommentiert (D)].

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