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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus



Kognition (ST/RK)

Kognition bezieht sich auf die für ein System bedeutungsvollen Wahrnehmungs- und Erkenntnisleistungen. Maturana und Varela bezeichnen den Bereich jener Interaktionen, die zur Aufrechterhaltung der Organisation lebender Systeme entwickelt werden, als kognitiven Bereich und setzen damit Leben und Kognition gleich. Diese Gleichsetzung wird etwa von Roth mit dem Hinweis kritisiert, dass kognitive Systeme aufgrund ihrer spezifischen Differenz zu lebenden Systemen zu deren Autopoiese beitragen.

Nach Roth bezeichnet der Begriff der Kognition alle "Phänomene des Erkenntnisvermögens wie Wahrnehmen, Denken, Verstehen und Urteilen". Kognition umfasst nach Roth a) integrative, multisensorische und auf Erfahrung beruhende Erkennungsprozesse; b) Prozesse des Kategorisierens und Klassifizierens; c) Prozesse, die auf der Basis interner Repräsentationen ablaufen (Modelle, Vorstellungen, Karten, Hypothesen); d) Prozesse, die eine zentrale Modulation von Wahrnehmung beinhalten und zu variablen Verarbeitungen führen; f) 'mentale' Aktivitäten im traditionellen Sinn wie Denken, Vorstellen, Erinnern. Diese Bestimmung verdeutlicht, dass Kognition im radikalkonstruktivistischen Diskussionskontext weder mit Bewusstsein noch mit höheren Funktionen wie Logik oder Sprache gleichgesetzt wird.

Luhmann interpretiert jedes beobachtende System als kognitives System; seine Bestimmung inspiriert Jokisch, der Kognition als den Realitätsbereich bestimmt, der mit Hilfe von Distinktionen zugänglich ist. Die Terminologie soziologischer Systemtheorie lässt entsprechend die Zuschreibung intentionaler Strukturen auf unterschiedlich gefasste AkteurInnen wie soziale Systeme zu.

--> Der Problemkomplex Kognition und Geschlechterdifferenz ist im Rahmen der aktuellen Genderforschung noch eher unterbelichtet, was vermutlich mit der repräsentationalistischen und häufig neodarwinistischen Ausrichtung der orthodoxen Kognitionswissenschaften zusammenhängt, von der sich der Radikale Konstruktivismus explizit abgrenzt. Viele Kognitions- und EvolutionspsychologInnen behaupten die Geschlechtstypik spezifischer kognitiver Vermögen wie der räumlichen Wahrnehmung oder von Sprachfähigkeiten und werden von feministischen KognitionswissenschafterInnen heftig kritisiert.

Bei der Anwendung kognitionstheoretischer Argumentationen muss demnach der Versuch, Kognitionen nach ihrer Geschlechtstypik zu unterscheiden, von der konstruktivistischen Theoretisierung der Geschlechterbeobachtung als kognitiver und kommunikativer Leistung unterschieden werden. Nur letztgenannter Zugang könnte sich für die beobachtungstheoretische These von der Konstruktion des Geschlechts als fruchtbar erweisen und im Rahmen einer Theorie der Geschlechtsschemata verwirklicht werden. Aktuelle Erweiterungen des Kognitionsbegriffs im Umkreis des Radikalen Konstruktivismus berücksichtigen zudem Aspekte wie Emotion und kognitive Vernetzung, die traditionellerweise weiblich konnotiert sind.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 8.12.2003)

Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Evolution (ST/RK); Wissen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Bürscher, Sabine (1996): "Die Radikalität der Erkenntnis. Feministische Theorieproduktion und Radikaler Konstruktivismus [kommentiert (RK)]".
•  Bem, Sandra Lipsitz (1993): The Lenses of Gender. Transforming the Debate on Sexual Inequality.
•  Dürr, Renate (2001): "Sex und Gender als Interpretationskonstrukte [kommentiert (RK)]".
•  Maturana, Humberto R. (1985): Erkennen. Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. 2. durchges. Aufl..
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Kognition [kommentiert (RK)]".
•  Roth, Gerhard (1992): "Kognition: die Entstehung von Bedeutung im Gehirn [kommentiert (RK)]".
•  Schmitz, Sigrid / Schinzel, Britta (2002): "GERDA: A brain research information system for reviewing and deconstructing gender differences".

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