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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus



Siehe auch: Différance (D)

Sinn (ST)

Der Sinnbegriff spielt eine prominente Rolle in Luhmanns Soziologie und orientiert sich wesentlich an der Phänomenologie Husserls. Er kennzeichnet die Differenz von Potenzialität/Aktualität, welche die für ein System bedeutungsvollen Selektionen festlegt. Sinn ist das Medium bzw. der Operationsmodus von Bewusstsein und Kommunikation und prozessiert die fundamentale Kontingenz der Erfahrung beobachtender Systeme.

Während Husserl sinnhafte Selektivität in einem transzendentalen Bewusstsein bzw. Subjekt verortet, bestimmt Luhmann Sinn als einen "an Differenzen orientierten Prozessbegriff" (Reese-Schäfer), der selbst eine differenzlose Kategorie ist und keiner Trägersubstanz bedarf. Sinnselektionen spannen mentale und kommunikative Horizonte auf, der Letzthorizont von Sinn ist nach Luhmann "Welt". Die Selbstreferenz beobachtender Systeme verdeutlicht, dass diese Sinn nur gemäß ihrer eigenen Strukturen bzw. Selektionsmodalitäten aktualisieren können. Sinn ermöglicht Informationsverarbeitung, indem er Anschlussmöglichkeiten markierbar bzw. erwartbar macht.

Die doppelte Kontingenz führt zu Etablierung von Strukturen, die der wechselseitigen Erwartbarkeit von Sinnselektionen dienen. Radikalkonstruktivistische Positionen konkretisieren Sinnselektionen in empirischen Beobachtungen als Bedingungsmodalitäten bzw. empirische Selektionsgrenzen kognitiver Systeme. Sinnhaft ist demnach, was für ein System funktional bzw. für die Aufrechterhaltung seiner operationalen Einheit relevant ist. Der Radikale Konstruktivismus löst sich mit dieser kognitionsökologisch orientierten Perspektive von der hermeneutisch-philologischen Tradition der Semantik des Sinnbegriffs.

--> Der Sinnbegriff verdeutlicht, dass die Wahrnehmung und Kommunikation von Geschlecht auf Selektionsprozessen basiert, die mögliche Handlungs- und Erlebnisformen kennzeichnen. Soziale und psychische Geschlechtsidentitäten erscheinen als bedeutungsvolle Formen im Horizont anderer Möglichkeiten. Im reflexiven Kontext der Geschlechterbeobachtung wird die Vielfalt möglicher Ausprägungen ebenso wie die konkrete Aktualisierung geschlechtlicher Selektionsofferten ausgelotet.

Aus radikalkonstruktivistischer Perspektive entspricht der Sinn von Geschlechtsdifferenzen den spezifischen Funktionen, welche geschlechtstypisierte Beobachtungen für soziale AkteurInnen haben. Geschlechtlich sinnvoll ist demnach das, was für die Geschlechtsidentitäten und die soziale Koorientierung von AkteurInnen jeweils als relevant erscheint.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Form/Medium (ST)

Literaturhinweise
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]".
•  Reese-Schäfer, Walter (1996): Luhmann zur Einführung.

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