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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Autobiografie (D)

Die Autobiographie (gr. autographos: eigenhändig geschrieben bzw. bios: Leben) als eine eigenständige und etablierte literarische Gattung ist eng mit dem androzentrischen Subjektbegriff der Aufklärung des 18. Jahrhunderts verbunden sowie mit dem Begriff des Autors als Urheber eines Textes und als einziger legitimer Instanz zur Bestimmung seiner Bedeutung. So verstanden sind autobiographische Texte darauf ausgerichtet, die Erfahrungen und Anschauungen des erlebenden Subjekts aus seiner nur ihm zugänglichen Innenperspektive zu repräsentieren.

Popularisiert durch Barthes' Diktum vom "Tod des Autors" und Foucaults Rede vom Verschwinden des Subjekts kulminieren im Rahmen der Autobiographieforschung ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Spannungen zwischen subjektzentrierten und subjektdezentrierten Theorierepertoires. Insbesondere dekonstruktive Ansätze stellen die Grenze zwischen autobiographischen und nicht-autobiographischen Texten prinzipiell in Frage. Paul de Man postuliert eine radikale Diskontinuität zwischen dem Ich des Autors und seiner Autobiographie, indem er zeigt, dass die Konstruktion und Hervorbringung des (eigenen) Selbst über eine rhetorische Figur, die so genannten Prosopopöie gelesen werden kann und muss. Autobiographie ist damit nicht länger eine literarische Gattung unter anderen, sondern ein strukturierendes Prinzip, das allen Texten zu Grunde liegt und im selben Moment die Möglichkeit autobiographisierender Lesarten zurückweist.

--> Die Verbindung von Gender und Genre hinsichtlich autobiographischen Schreibens zentriert sich um die folgenden Angelpunkte subjektorientierter feministischer Kritik: Frauen werden 'außerhalb des Gesetzes' platziert, also sowohl außerhalb des Gesetzes von Genre als auch außerhalb der Vorstellung eines identischen Subjekts/Selbst; die weibliche Autobiographie wird unterdrückt und nicht in den Kanon aufgenommen, weil sie die 'wahren', also männlichen Autobiographien kontaminiert; die männliche Autobiographie wird als universal, die weibliche hingegen als ein Produkt einer spezifisch weiblichen Erfahrung gelesen (Marcus).

Aus dieser Perspektive werden autobiographisch markierte Texte als paradigmatisch für die Emanzipation und Subjektwerdung der schreibenden Frau gewertet. 'Weibliche' Autobiographie wird folglich - mit Blick auf die Überwindung der Autobiographie als männlicher "Selbstinszenierung" - auch als politisches Programm verstanden. Dagegen liefern dekonstruktive feministische Positionen Neuorientierungen bezüglich der Frage, was es heißt, als 'Frau' zu sprechen oder zu schreiben. Die Kategorie der Frau wird nicht als gegeben vorausgesetzt, sondern 'Frau' wird zugleich als Subjekt und Objekt der literarischen und theoretischen Rede thematisiert und hinterfragt. Nicht mehr das zu Essentialisierungen neigende Denken der sexuellen Differenz, sondern die Performativität von Geschlecht, d.h. die reiterative Hervorbringung von Geschlechtsidentitäten als Effekt sprachlicher Signifikationsprozesse wird hervorgehoben. Diane Elam formuliert, vielleicht in Anlehnung an Gayatri Spivaks (bereits revidierten) strategischen Essentialismus, einen möglichen affirmativ-kritischen Zugang zu Autobiographien von Frauen, nämlich als strategische Notwendigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht als ein "end in itself".

© Anna Babka (Stand: 6.10.03)

Siehe auch: Autor (D); Gattung/Genre (D); Subjekt (D); Identität (D); Text (D); Repräsentation (RK); Lektüre (D); Rhetorik (D)

Literaturhinweise
•  Babka, Anna (2002): Unterbrochen. Gender und die Tropen der Autobiographie [kommentiert (D)].
•  Cixous, Hélène / Calle-Gruber, Mireille (1997): Hélène Cixous. Rootprints. Memory and Life Writing.
•  de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]".
•  Hooks, Bell (1989): "Writing Autobiography".

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