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Butler, Judith (2000): Antigone's Claim: Kinship between Life and Death [kommentiert (D)]. New York: Columbia University Press [dt.: Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. Aus dem Amerikanischen von Reiner Ansén. Mit einem Nachwort von Bettine Menke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001].



Kommentiert von Klaus Ebner, Uni Wien (Stand: 23.1.04)
E-mail: a9015923@unet.univie.ac.at

In einer Akzentverschiebung zu früheren vorwiegend gender-bezogenen Arbeiten widmet sich Judith Butler in jüngeren Veröffentlichungen stärker allgemein ethischen oder sozio-normativen Fragestellungen. In ihrem Buch Antigones Verlangen, welchem die 1998 im Rahmen der Wellek Library Lectures gehaltene Vorlesung Antigone`s Claim zugrunde liegt, ist es vor allem die Hinterfragung des verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Paradigmas, wie es von geläufigen politischen oder psychoanalytischen Auffassungen vermittelt wird, die Butler zu einer Relektüre des Stückes von Sophokles veranlassten. In einer Auseinandersetzung mit den Interpretationen Hegels und Lacans versucht Butler eine Auslegung, welche der dramatischen Konjunktur der familiären Konstellation Antigones gerechter werden soll. Ohne sie vorschnell zu einer Repräsentantin des Gesetzes der Verwandtschaft und der häuslichen Götter (Hegel) oder zu einer Repräsentantin der sprachlichen Ordnung per se (Lacan) zu vereinnahmen, stellt Butlers Antigone vielmehr eine Grenzfigur dar, welche "den sozial kontingenten Charakter der Verwandtschaft ans Licht bringt" (AV 20).

Besonders interessant erscheint dabei ihr kritischer Umgang mit der von Lacan in seinem Seminar "Die Ethik der Psychoanalyse" vorgelegten Antigone Interpretation (1). Sie wendet sich vor allem gegen eine Tendenz der Idealisierung des Symbolischen bei Lacan, dessen Strukturprinzipien - laut Butler - Universalitätscharakter beanspruchen und von den letztlich geschichtlich wandelbaren sozialen und kulturellen Normen geschieden werden. In dieser Berufung auf die Universalität der symbolischen Ordnung, die sich zwar sub species aeternitatis gibt, sich aber nicht selber legitimieren kann, vermutet Butler einen "theologischen Impuls" (AV 43) in der Theorie der Psychoanalyse, der dazu dient, "die konkreten Dilemmata der menschlichen Sexualordnung, die keine letzte normative Form besitzen, durch theologische Mittel zu lösen" (AV 44).

Eine letztlich kontingente und durch Machtgefüge geprägte soziale Ordnung wird damit zu einer zeitlosen Wahrheit hypostasiert, anstatt die Historizität und den sozio-politischen Kontext dieser Norm gerade zu befragen. Da Antigones eigene, mehr als verworrenen Genealogie wohl aber weniger für die Verwandtschaft in ihrer idealen Form als für deren De-formation und Verschiebung steht, kann ihr Schicksal auch dazu dienen, "die Beziehung von symbolischer Position und sozialer Norm neu zu durchdenken" (AV 55). Da für Butler folgerichtig das Symbolische weniger eine eternale Einheit als eine "Ablagerungen gesellschaftlicher Praktiken" (AV 40) darstellt, plädiert sie dafür, dass "radikale Veränderungen in den Verwandtschaftsverhältnissen (...) eine Neuformulierung der strukturalistischen Voraussetzungen der Psychoanalyse und damit der zeitgenössischen Sexual- und Geschlechtertheorie" (ebd.) verlangen. Radikale Reformulierungen von Verwandtschaftsmodellen werden aber, laut Butler, von einer sich auf den Strukturalismus berufenden Position nur allzu gerne domestiziert. Butler votiert daher für einen der "strukturalistischen Totalität" entgehenden "Poststrukturalismus der Verwandtschaft" (AV 105). Wenn Lacan Antigone zu einer Repräsentantin der symbolischen Ordnung macht, welche Verwandtschaft, wie Lacan in den 50-Jahren auf der Basis der ethnologischen Studien von Levis-Strauss behauptet, erst stiftet, gelingt ihm dies nur um den Preis einer reaktionären Deutung des Stücks: Antigone muss aufgrund der symbolischen Deformität ihrer Familienstruktur in den Tod stürzen. Sie überschreitet die Grenzen der intelligiblen Verwandtschaft und kommt in dieser Überschreitung und in der Verfolgung ihres nun tödlichen Begehrens um. Somit bleibt Butler bei ihrem Vorwurf, dass, wenn Hegel für das Gesetz des Staates eintritt, sich Lacan "der scheinbaren Perversion Antigones nur bedient, um das unabänderliche Gesetz der Verwandtschaft zu bekräftigen" (AV 70).

Butlers Unterstellung einer gewissen Ontologisierung von Lacans Antigone Deutung ist nicht ohne sachlichen Kern. Lacan neigt in der Tat dazu, das Drama eher auf einer ontologischen denn auf einer sozialgeschichtlichen Bühne anzusiedeln. Aus diesem Grund ist Antigones Untergang in Lacans Deutung eher die tödliche Konsequenz einer Überschreitung einer "Grenze des Seins" - so seine Auslegung des griechischen Begriffs der ate -, die kein Sterblicher für längere Zeit zu übertreten vermag, ohne dabei umzukommen, als etwa die Folge einer Verletzung der Grenze einer bestimmten historischen Ordnung. Indem Lacan aber, so die Argumentation Butlers, das historische Drama von seiner metaphysischen Wahrheit trennt, entzieht er sich genau der Frage, "wie gewisse Arten von Leben genau kraft des historischen Dramas, das das ihre ist, an die Grenzen des Unzerstörbaren verwiesen werden" (AV 84). Antigone ist für Butler daher weniger eine Repräsentantin der ehernen Gesetze der symbolischen Ordnung als vielmehr eine tragische Figur, welche die symbolischen Zwänge unter denen sie zerbricht und welche ihr Leben organisieren, in Frage stellt. Unter der Annahme dass symbolische/soziale Konfigurationen einer historischen, analysierbaren und wandelbaren Logik folgen und nicht am unveränderlichen Reißbrett des Seins entworfen sind, stellt sich Butler die Frage, ob von Antigones Position aus, sich nicht auch eine kritische Perspektive auftut, "aus der sich schon die Bedingungen der Lebbarkeit neu oder gar zum allerersten Mal niederschreiben lassen?" (AV 91). Dies enthält durchaus subversives Potential: Erst indem Herrschaftssysteme und Repräsentationsmodelle in eine "produktive Krise" geführt werden, kann die Frage überhaupt aufgeworfen werden, "welches die Bedingungen der Verständlichkeit gewesen sein könnten, die ihr ein Leben hätten ermöglichen können, ja, welches stützende Netz von Beziehungen unser Leben überhaupt möglich macht, das Leben derjenigen, die die Begriffe der Verwandtschaft ganz neu begreifen" (AV 48).

Mit der Forderung Antigones ihren Bruder bestatten zu dürfen, wird für Butler - an dieser Stelle im Einklang mit Lacan - eine Legalität vor der Kodifizierung geltend gemacht, in welchem sich die Vorgängigkeit eines (unbewussten) Begehrens in einem unbedingter Rechtsanspruch verdichtet, an dem die Sphäre des allgemeinen Rechts zerschellt. Für Lacan (sowie auch wohl für Butler) stellt solch ein Anspruch oder Akt den ethischen Akt par excellence dar. Ja, gerade ein Nachgeben an diesem Punkt, in diesem Begehren würde in der Lacanschen Definition einer Ethik der Psychoanalyse, das einzige sein, dessen man sich schuldig machen kann. Allerdings - und dies ist kein zu vernachlässigbarer Unterschied - ermöglicht es die Lacanschen Interpretation der Tragödie, da Antigone letztlich das Labyrinth ihre inzestuösen Genealogie zum Verhängnis wird, eine Verhärtung oder zumindest Bestätigung der auf sozialer wie auf ontologischer Ebene gesetzten Grenzen zu folgern, während für Butler sich mit Antigone die Frage ergibt, "ob es vielleicht ganz neue Grundlagen für die Mitteilbarkeit und für das Leben geben kann" (AV 93). Antigone wird für Butler somit zu einer ersten Galionsfigur, welche für eine "alternative Rechtmäßigkeit" steht und denjenigen zur Anerkennung verhilft, für deren Begehren oder Trauer die Kultur keinen haltbaren Platz, die Öffentlichkeit kein lebbares Forum und das allgemeine Recht keine treffenden Begriffe bereithält.

Butlers kritische Beleuchtung des Verhältnisses von Individuum und gesellschaftlichen Norm, an der dieses seine Grenze findet überschreitet somit eine streng auf die Geschlechterproblematik eingeengte Fragestellung, indem sie auf eine sozio-historisch allgemeineren Ausschlussmechanismus aufmerksam macht, welcher nichts desto trotz in seiner sozio-politischen Aktualisierung auch - aber bei weitem nicht nur - für die Frauenbewegung relevant ist.

(1) Jacques Lacan: Die Ethik der Psychoanalyse. Das Seminar. Buch VII. Weinheim, Berlin 1996, S. 293-343.

Siehe auch: Genealogie (D); Identität (D); Macht (D); Subversion (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (2003): Kritik der ethischen Gewalt [kommentiert (D)].






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