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Cixous, Hélène (1997): "Sorties: Out and Out: Attacks/Ways Out/Forays [kommentiert (D)]", in: Belsey, Catherine / Moore, Jane (Hg.): The Feminist Reader: Essays in Gender and the Politics of Literary Criticism. Second Edition (First Edition New York: Blackwell 1989). London et al.: Macmillan, 91-103. [Auszug aus: Cixous, Hélène / Clément, Catherine: The Newly Born Woman. Trans. by Betsy Wing. Minneapolis: University of Minnesota Press 1986, 63-64, 83-88, 91-97; franz.: Cixous, Hélène / Clément, Catherine: La jeune née. Paris: Union Générale d'Éditions 1975].



Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

'Sorties', ein im anglo-amerikanischen Raum stark rezipierter, in mehreren Anthologien veröffentlichter Text, ist ein kurzer Auszug aus dem bislang nur ins Englische übersetzten La jeune née (The Newly Born Woman; gemeinsam mit Cathérine Clément), in dem Cixous das Konzept der écriture féminine entfaltet. Der Text ist auch ein interessanter Rezeptionsfall, da er in der stark gekürzten Ausgabe über keinerlei Markierungen verfügt, die anzeigen, an welchen Stellen Abschnitte ausgelassen wurden.

Cixous kritisiert den abendländischen Logozentrismus auf der Basis hierarchisierender Oppositionsbildungen. So wie die dual organisierten, asymmetrischen Machtstrukturen Subjektivierungsprozesse dominieren, so dominieren sie das Denken der sexuellen Differenz. Cixous diskutiert die Privilegierung des Terminus 'Mann' gegenüber der 'Frau' und die immer wiederkehrende Kopplung, die sich gleichsam als 'Urpaar' formiert. Das bedeutet, dass jegliche Ausprägung kultureller Oppositionsbildung nur eine Facette der Opposition Mann/Frau darstellt. Was der Text gleich zu Beginn visualisiert, durchzieht ihn thematisch und ist aufschlussreich für das Verständnis von Cixous' Denken und Arbeitsweise:

Where is she?
Activity/Passivity
Sun/Moon
Culture/Nature
Day/Night

Father/Mother
Head/Heart
Intelligible/Palpable
Logos/Pathos
[...]
Man
----------
Woman (91)

Die Frage danach, wo sie ist, ist eine rhetorische Frage, denn die Liste zeigt eindeutig, dass die Position des 'Weiblichen' dem 'Männlichen' untergeordnet ist. Logos, also Sprache, Bedeutung, Sinn regiert über Pathos, also Emotionen, Gefühle, Un-Sinn. Dieses Denken konfrontiert Cixous mit einem Denken, das das 'Andere' idealerweise immer miteinbezieht, als Komponente des 'Eigenen'. Diese Durchdringung birgt für Cixous ein kreatives Potential und bringt Denker, Künstler und neue Werte hervor. Eine Voraussetzung zur 'Erfindung' anderer 'Ichs' wäre das Element des Homosexuellen, in Cixous' Text personifiziert durch Jean Genêt, unter dessen Namen eine Textbewegung eingeschrieben ist, "that divides itself, pulls itself to pieces, dismembers itself, regroups, remembers itself, is a proliferating, maternal feminity" (93). All diese 'Wucherungen' führen sie zu einer Figuration der Durchdringung männlicher und weiblicher Komponenten, die sie, die Frau, als bisexuell bezeichnet. Sie, wohlgemerkt, denn historisch gesehen ist eher sie es, war doch der Mann seit jeher darauf trainiert, eine 'gloriose phallische Monosexualität' aufrechtzuerhalten (vgl. 93).

Cixous' Konzeption der Bisexualität unterscheidet sich vom Ovidschen Hermaphroditen, der die Spur einer mythischen Separation in sich trägt und eher 'asexuell' denn bisexuell ist. Sie proklamiert hingegen eine 'andere' Bisexualitätund begreift diese als Möglichkeit, innerhalb des 'Selbst' beide Geschlechter zu integrieren. Von diesem kreativen Ort aus, der Multiplizität, Vielfalt und Offenheit verspricht, soll die Frau schreiben, soll sie sich schreiben: "Write yourself: your body must make itself heard." (103) Das Sich-Schreiben und das Erschreiben des Selbst ist notwendig, ist ein Gegenentwurf zur phallo(go)zentrischen Ordnung. Wenn nämlich die Zeit der Befreiung der Frau gekommen sein wird, so Cixous, dann wird es die Erfindung eines neuen Schreibens sein, "that will allow her to put the breaks and indispensable changes into effect in her history" (103).

Die écriture féminine wird hier gleichsam zum Heilsversprechen für eine bessere Zukunft, für eine unzensierte Beziehung der Frau zu ihrem Körper, ihrer Sexualität, für einen Zugang zu ihren eigenen Kräften. Genau dieser Zug der Reifizierung des Weiblichen - neben der überwältigenden Metaphorizität, die dieses Heilsversprechen mit sich bringt - ist in der Cixous-Rezeption umstritten. Insbesondere von dekonstruktiven Feministinnen wird Cixous eine Tendenz zum Essentialismus unterstellt.

Siehe auch: Différance (D); Identität (D); Dekonstruktion (D); Essentialismuskritik (D); Sprache (D); Subversion (D)

Literaturhinweise
•  Cixous, Hélène (1977): Die Unendliche Zirkulation des Begehrens: Weiblichkeit in der Schrift.
•  Cixous, Hélène (1980): Weiblichkeit in der Schrift.






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