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de Man, Paul (1984): "Autobiography as De-facement [kommentiert (D)]", in: de Man, Paul: The Rhetoric of Romanticism. New York: Columbia University Press, 67-82. [zuerst veröffentl. in: Modern Language Notes 94 (5), 1979, 919-930; dt.: "Autobiographie als Maskenspiel", in: Die Ideologie des Ästhetischen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993, 131-146]

Kommentiert von Anna Babka (Stand: 6.10.03)

''Autobiographie ist keine Gattung oder Textsorte, sondern eine Lese- oder Verstehensfigur, die in gewissem Maße in allen Texten auftritt.'' (134) Die berühmte Formulierung Paul de Mans in Autobiography as De-facement suggeriert, dass allen Texten ein autobiographischer Gestus eigen ist, insofern der Umstand, dass der Text von jemandem ist, für sein Verständnis von Bedeutung ist. Nach de Man führen weder gattungstheoretische Diskussionen zu einem Ergebnis, noch gelingt es die Autobiographie in Opposition zur Fiktion zu definieren; vielmehr bleibt diese Unterscheidung unentscheibar.

Wesentlich für sein Verständnis von Autobiographie ist die rhetorische Figur der Prosopopöie, die de Man als die Figur oder Trope der Autobiographie bestimmt, da sie einer stimmlosen oder verstorbenen Entität eine Stimme und ein Gesicht verleiht. De Man bezieht sich damit auf die Etymologie des griechischen Ausdrucks prosôpopoiia (prosôpon "Maske, Person, Rolle" + poiein "schaffen, machen, verfertigen"). Prosopon bezeichnet in einer frühen Bedeutung "Gesicht" und später auch das "künstliche Gesicht", das sich der Mensch durch das Aufsetzen einer Maske selbst verleiht. Dies verweist auf die selbstreferentielle Geste dieser Figur, die den Prozess der Personwerdung als einen Prozess der Figuration durch Mittel der Rhetorik beschreibt. Die Prosopopöie ist die Figur des de-facement, des Gebens und Nehmens von Gesichtern, der Maskierung und der Demaskierung, der Figuration und der Defiguration.

Die Bedeutung der Autobiographie besteht folglich nicht darin, dass sie eine verläßliche Selbsterkenntnis liefert, sondern vielmehr darin, "dass sie auf schlagende Weise die Unmöglichkeit der Abgeschlossenheit und der Totalisierung aller aus tropologischen Substitutionen bestehenden textuellen Systeme demonstriert" (135). Denn es ist allein die Prosopopöie, mit der sich das sprechende Individuum figurativ ein Gesicht und eine (maskierte) Identität verleiht. Ein solches Verständnis der autobiographischen Textproduktion positioniert sich quer zu traditionellen Auffassungen, die den Autobiographen als selbstbestimmtes, einheitliches und intentionales Subjekt verstehen, das in der Regel männlich konnotiert ist.

De Mans Lektüre der Autobiographie über die Figur der Prosopopöie bietet hier einen genderorientierten Ansatz. Gesichter, Namen, Stimmen werden mit und durch die Prosopopöie verliehen, sind also keine 'natürlichen' Kategorien, sondern rhetorisch verfasst. Gesichter, Namen und Stimmen sind aber immer auch geschlechtlich markiert. Diese rhetorische Verfasstheit von Geschlecht lässt sich, wie insbesondere Chase und Menke gezeigt haben, über die rhetorische Figur der Prosopopöie lesen.

Siehe auch: Autor (D); Autobiografie (D); Subjekt (D); Gattung/Genre (D); Rhetorik (D); Referenz (D); Identität (D)

Literaturhinweise
•  Babka, Anna (2002): Unterbrochen. Gender und die Tropen der Autobiographie [kommentiert (D)].
•  Menke, Bettine (1992): "Verstellt der Ort der 'Frau' [kommentiert (D)]"






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