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Derrida, Jacques (1976): "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen [kommentiert (D)]", in: Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 422-442. [frz.: "La structure, le signe et le jeu dans le discours des siences humaines", in: L' écriture et la différence. Paris: Seuil 'Points Essais' 1979, 409-428; wiederabgedruckt in: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, hg. von Peter Engelmann, Stuttgart: Reclam 1990, 114-139]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Dieser Text geht auf einen Vortrag zurück, den Derrida 1966 bei einem Internationalen Kolloquium der Johns Hopkins University über "Die kritischen Sprachen und die Wissenschaft vom Menschen" gehalten hat, an dem auch Paul de Man, Jacques Lacan, Roland Barthes, Jean Hypolite und Paul Vernant teilgenommen haben und von dem ein wichtiger Impuls für die Rezeption der französischen Philosophie in den Vereinigten Staaten ausgegangen ist. Veröffentlicht wurde der Vortrag 1972 in dem Band Die Schrift und die Differenz, der wichtige Arbeiten Derridas aus den Jahren 1963-67 vereint und im selben Jahr wie die Grammatologie und Die Stimme und das Phänomen erschienen ist.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Struktur und mit dem Strukturalismus als der in den 60er Jahren vorherrschenden Methode in den Humanwissenschaften bildet den Ausgangspunkt des Textes. Derrida argumentiert, dass sich ein "Ereignis" in der Geschichte des Struktur-Begriffs vollzogen hat, das die Dezentrierung des Systems der Metaphysik und der abendländischen Philosophie - als "Denken der Strukturalität der Struktur" - markiert (424). Während in der Vorstellung des abendländischen Denkens jede Struktur ein Zentrum haben muss, das ihr einen "Punkt der Präsenz", einen festen Ursprung verleiht und das die Aufgabe hat, die Struktur zu orientieren und das "Spiel der Elemente" zu ermöglichen und zu begrenzen, ohne selbst Teil dieses Spiels zu sein (422), bedeutet die Dezentrierung der Struktur die Abwesenheit eines Zentrums oder eines Ursprungs in der Gestalt eines transzendentalen Signifikats.

Dies ist zugleich der Augenblick, so Derrida, in dem sich die Sprache als ein System von Differenzen des Problemfelds bemächtigt und alles zum Diskurs wird, d.h. zu einem System, "in dem das transzendentale Signifikat niemals absolut, außerhalb eines Systems von Differenzen, präsent ist." (424) Ihren Niederschlag findet diese Dezentrierung 1. in Nietzsches Kritik an der Metaphysik, an den Begriffen des Seins und der Wahrheit, die er durch die Begriffe des Spiels, der Interpretation und des Zeichens ohne präsente Wahrheit ersetzt; 2. in Freuds Kritik am Sich-selbst-gegenwärtig-Sein, das heißt am Bewusstsein, am Subjekt, an der Identität mit sich selbst; und 3. in Heideggers Destruktion der Metaphysik und der Bestimmung des Seins als Präsenz (424).

Entscheidend ist jedoch, dass alle diese "destruktiven Diskurse" in einem - mehr oder weniger naiven - "Zirkel" gefangen sind, insofern sie auf das Vokabular genau jenes Systems zurückgreifen müssen, das sie zu zerstören versuchen: Es ist ebenso sinnlos wie unmöglich, "auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will." (425) Die Sprache selbst ist in der Metaphysik gefangen. Dies gilt nicht zuletzt für den Begriff des Zeichens, der selbst noch auf der metaphysischen Entgegensetzung von Sinnlichem und Intelligiblem basiert. Insofern verlangt die Sprache nach ihrer eigenen Kritik (429). Diese Kritik kann erstens in der systematischen Befragung der Geschichte dieser Begriffe bestehen; dies ist mehr oder weniger der Weg der Dekonstruktion; zweitens kann sie darin bestehen, die alten Begriffe wie Werkzeuge, "die noch zu etwas dienlich sein können, aufzubewahren und nur hier und da die Grenzen ihrer Brauchbarkeit anzuzeigen" (430); dies entspricht Lévi-Strauss' Methode der Bastelei (bricolage). Die Fruchtbarkeit und die Qualität eines Diskurses bemisst sich letztlich an der Strenge, "mit der dieses Verhältnis zur Geschichte der Metaphysik und zu den überlieferten Begriffen gedacht wird." (427)

Während jedoch der Verlust des Zentrums bei Lévi-Strauss seinen Ausdruck in einem "Heimweh nach dem Ursprung", nach "dem Sich-selbst-Gegenwärtig-sein in der Rede" findet, bejaht Nietzsche das Spiel der Zeichen, das für eine aktive Interpretation offen ist, nicht als Verlust, sondern als "Nicht-Zentrum" (441). Folglich gibt es nach Derrida zwei Interpretationen der Interpretation, der Struktur, des Zeichens und des Spiels: "Die eine träumt davon, eine Wahrheit und einen Ursprung zu entziffern, die dem Spiel und der Ordnung des Zeichens entzogen sind [...]. Die andere, die dem Ursprung nicht länger zugewandt bleibt, bejaht das Spiel und will über den Menschen und den Humanismus hinausgelangen" (441). Dennoch bezweifelt Derrida, dass man zwischen diesen beiden nicht aufeinander reduzierbaren Interpretationen wählen muss. Vielmehr schlägt er programmatisch vor, ihren gemeinsamen, unvermeidlich metaphysischen Boden und die différance, die diese unreduzierbare Differenz und das Spiel der Differenzen ermöglicht, zu denken.

Siehe auch: Struktur (D); Zeichen (D); Sprache (D); Diskurs (D); Différance (D)

Literaturhinweise
•  Bennington, Geoffrey (1994): "Derrridabase [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1988): "Die différance [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"






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