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Derrida, Jacques (1988): "Die différance [kommentiert (D)]", in: Derrida, Jacques (Hg.): Randgänge der Philosophie. Wien: Passagen, 29-52 [franz.: "La différance", in: Marges de la philosophie. Paris: Minuit 1972, 1-30; wiederabgedruckt in: Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, hg. von Peter Engelmann, Stuttgart: Reclam 1990, 76-113].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Der Text "Die différance", der 1972 im Band Randgänge der Philosophie erschienen ist - im selben Jahr wie Positionen und Dissemination -, geht auf einen Vortrag zurück den Derrida im Januar 1968 vor der Société française de philosophie gehalten hat. Derrida führt in diesem Text erstmals explizit den Terminus différance ein, der bereits in früheren Schriften auftaucht.

Derrida macht sich dabei die Eigenart der französischen Sprache zunutze, in der der Neologismus différance und der gängige Ausdruck différence homophone Ausdrücke sind. An Saussures Einsicht in die Differentialität der sprachlichen Zeichen anknüpfend, radikalisiert und verallgemeinert Derrida diesen Befund im Hinblick auf das Funktionieren aller Zeichen: Der unhörbare Unterschied zwischen der différ()nce mit a und mit e ist ebenso stumm wie das Spiel der Differenzen, das die Phoneme als die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten der Sprache konstituiert und sowohl sinnlich als auch intelligibel vernehmbar macht.

Das Verb différer bedeutet zum einen "sich unterscheiden, voneinander abweichen" und verweist somit auf einen Prozess der Unterscheidung, der mit einer (mentalen) Verräumlichung zwischen verschiedenen Elementen einhergeht - zwischen verschiedenen Dingen (franz. différents) oder Meinungen (franz. différends: Zwist, Streitigkeit). Zum anderen bedeutet différer auch "aufschieben, zurückstellen, verschieben" und bezeichnet in diesem Sinne die Bewegung oder Tätigkeit einer Temporisation, die "auf die zeitliche und verzögernde Vermittlung eines Umweges" rekurriert (33). Das a der différance verweist zudem auf die Aktivität des Partizip Präsens différant, während das Suffix -ance zwischen dem Aktiv und dem Passiv verharrt (vgl. mouv-ance, reson-ance). Es kompensiert damit den Sinnverlust des Terms différence, der im Französischen weder die Bedeutung eines aktiven Auf- oder Verschiebens noch eines aktiven Sich-Unterscheidens, z.B. im Sinne einer Meinungsverschiedenheit, umfasst.

Die différance als Temporisation findet Derrida in der klassischen Struktur des Zeichens als Re-präsentation wieder, d.h. als "aufgeschobene Präsenz, nach deren Wiederaneignung man strebt" (35). In diesem Sinn ist die Ersetzung der Sache durch das Zeichen zugleich sekundär (im Hinblick auf die ursprüngliche Präsenz der Sache selbst) und vorläufig (im Hinblick auf die angestrebte Wiederaneignung dieser Präsenz durch die Vermittlung des Zeichens). Stellt man jedoch den sekundären und vorläufigen Charakter des Zeichens in Frage und setzt ihm stattdessen eine 'ursprüngliche' différance entgegen, so heißt das nicht nur, dass man die différance selbst nicht mehr unter dem Begriff des Zeichens fassen kann, sondern auch dass die Autorität der Anwesenheit bzw. ihres Gegenteils, der Abwesenheit, sowie die ontisch-ontologische Differenz zwischen dem Sein und dem Seienden selbst befragt werden muss (35f.).

Es gibt keine Präsenz außerhalb der semiologischen Differenz. Da jeder Begriff in eine Kette oder in ein System eingeschrieben ist, in dem er "durch das systematische Spiel von Differenzen" auf andere Begriffe verweist, ist er "nie an sich gegenwärtig" (37). Folglich ist die différance als das Spiel der Differenzen, "nicht einfach ein Begriff, sondern die Möglichkeit der Begrifflichkeit, des Begriffsprozesses und -systems überhaupt." (37) Sie ist "jene Bewegung, durch die sich die Sprache oder jeder Code, jedes Verweisungssystem im allgemeinen 'historisch' als Gewebe von Differenzen konstituiert" (38), wobei die Begriffe Produktion, Konstitution und Geschichte, wie Derrida einräumt, selbst noch der Sprache der Metaphysik verhaftet sind.

Zudem sind die Differenzen nicht einfach gegeben, sondern selbst Effekte, deren Ursache weder ein Subjekt noch ein irgendwo gegenwärtiges Seiendes ist, das dem Spiel der différance entweichen würde. Sie sind "Effekte ohne Ursache" (37f.). Folgt man Saussures Position, der zufolge das Sprachsystem nicht eine Funktion des sprechenden Subjekts ist, so impliziert dies, dass das Subjekt nur zum sprechenden Subjekt wird, wenn es sein Sprechen an das Regelsystem der Sprache und "an das allgemeine Gesetz der différance angleicht" (41). Anders gesagt, es gibt kein Subjekt, das Herr oder Autor der différance wäre; vielmehr ist die Subjektivität selbst ein Effekt der différance (Positionen 70).

Obwohl es naheliegend ist, die différance zusammen mit dem Problem der Geschlechterdifferenz zu denken, weist Derrida eine darauf bezogene Frage in der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion noch zurück. Gut vier Jahre später jedoch, in Sporen und Anfang der 80er Jahre in seiner Lektüre zu Heidegger, nimmt er diese Frage wieder auf.

Siehe auch: Différance (D); Sprache (D); Zeichen (D); Struktur (D); Dissemination (D)

Literaturhinweise
•  Bennington, Geoffrey (1994): "Derrridabase [kommentiert (D)]"
•  Culler, Jonathan (1988): Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie.
•  Derrida, Jacques (1986): Positionen.






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