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Derrida, Jacques (1998): Aporien. Sterben - Auf die "Grenzen der Wahrheit" gefaßt sein. Übers. von Michael Wetzel. München: Fink [franz.: Apories. Mourir - s'attendre aux "limites de la vérité", Paris: Galilée 1996].

Neue Zürcher Zeitung
Gott befohlen

Derridas Abschied von Lévinas

Von Uwe Justus Wenzel

«Immer wenn ich Emmanuel Lévinas lese oder wiederlese, bin ich wie aufgeheitert vor Dankbarkeit und Bewunderung, aufgeheitert von jener Notwendigkeit, die kein Zwang ist, sondern eine sehr sanfte Kraft», die «uns wieder zum Ganz Anderen» führe. So bekennt Jacques Derrida, und er bekennt so in seinem Abschiedswort an Emmanuel Lévinas, einem éloge funèbre, gehalten Ende Dezember 1995 am Grab des Freundes und auch Lehrers. Wo, wenn nicht hier, wäre Pathos am Platze? Pathos, auch das des Adieu-Sagens, ist Jacques Derridas gestenreichem Schreiben – «ohnehin» – nicht fremd. Das Pathos der Abschiedlichkeit durchstimmt – im Nachklang wird es noch vernehmlicher – auch die Philosophie von Lévinas.

Abschied nimmt sie vom «egologischen» Denken, vom Denken als einer Veranstaltung des «monologischen», zuerst und zuletzt an Selbstbehauptung interessierten, in sie verwickelten Subjekts. Solcher Abschied hat, nach Lévinas, in jedem Bewusstsein, noch bevor es sich als Mittelpunkt der Welt imaginiert, Wohnung genommen: Lévinas erinnert an Descartes' Idee des Unendlichen, eine menschliches Fassungsvermögen übersteigende Idee, die folglich mehr denke, als sie denkt. Was uns unendlich übertreffe, sich aber gleichwohl unter unseren Vorstellungen finde, müsse (ein) Gott «in uns hinterlegt» haben, hatte Descartes (in den «Meditationes de prima philosophia», 1641) argumentiert. Lévinas verwandelt sich, in der Tradition jüdischer Ethik, den Gedanken an, ohne ihn für einen «Gottesbeweis» zu halten. Eine Beziehung zu Gott immerhin sieht er so angebahnt; ein à Dieu, das im Abschiedswort adieu sich verbirgt.

Abschied von «sich», Aufbruch «zu Gott» – so simpel ist die Lineatur nicht. Die «vergessenen Horizonte» der Idee der Unendlichkeit erschliessen sich für Lévinas in einer «konkreten» Phänomenologie der Beziehung zum «Anderen», deren religionsphilosophisches Herzstück ein Umweg ist: Das «à Dieu», das dem Bewusstsein als «Begehren» des Anderen eingepflanzte «zu Gott», sei eine «Hingebung», schreibt Lévinas, die «umgewendet» werde, abgebogen hin zum anderen Menschen, für den «ich» verantwortlich zu sein habe. Umwendung «durch einen Gott, ‹der den Fremden› liebt eher, als dass er sich zeigt».

Wer «adieu» sagt, sagt «Gott befohlen»; wer den anderen Menschen Gott «befiehlt», ihn in die Hände des Herrn «befiehlt», vertraut ihn Gottes Obhut an. Diese Obhut aber, so darf man Lévinas folgend formulieren, zeigt sich eher in «meiner» Verantwortung für den Nächsten. (Zeigt sie sich eigentlich oder sogar nur so? Kündigte sich so unversehens auch ein Abschied von Gott an?)

Derrida – das Verb ist den nur mehr sanft «dekonstruktiven» Paraphrasen angemessen: – umspielt diese Motive; nicht nur in seiner «Adieu» betitelten Grabrede, er umspielt sie auch in einem zweiten, längeren Text, der mit jener zusammen ein Büchlein bildet, das 1997 im französischen Original und nun in (nicht immer astreiner) deutscher Übersetzung erschienen ist. «Das Wort zum Empfang», so heisst der zweite, ein Jahr nach Lévinas' Tod entstandene Essay, ist kein Gegenstück im widersprechenden Sinn des Worts, sondern in dem der Ergänzung: Der Abschied von «sich» korrespondiert dem «Empfang» des Anderen, des nicht schon «ganz» Anderen wohlgemerkt, der aber dennoch besitzergreifend ist, weil er «mir» die – unendliche – Last der Verantwortung aufbürdet, je schon aufgebürdet hat. Dass der empfangende «Gastgeber» der Unentrinnbarkeit seiner Verpflichtung wegen nicht mehr Herr im eigenen Hause sein kann, ist einer der verstörenden Gesichtspunkte der von Lévinas so genannten «Ursituation».

Neben diesem Aspekt, der Lévinas-Lesern vertraut ist, erörtert Derrida die gleichfalls ins Auge springende Problematik des Verhältnisses von Ethik und Politik, von Ethik und Recht (dies mit Anspielungen auf die europäische Asylpolitik und auch die israelische Staatsgründung): Was, wenn das konkrete Gegenüber «absoluten Vorrang» hat, wird aus den anderen Anderen, den «Dritten», die «mich» nicht anblicken? Die Ethik des Von-Angesicht-zu-Angesicht, das war Lévinas deutlich, bedarf gleichsam zu ihrer Stabilisierung der in Recht und Politik übersetzbaren Kategorie der Gerechtigkeit. Das möge hier auf sich beruhen, ebenso wie die delikate Frage, die Derrida auch noch streift (anderswo hat er sie bereits eingehender ausgearbeitet): ob Lévinas einer «traditionellen» Bestimmung der «Weiblichkeit» huldige. Die Aufmerksamkeit sei statt dessen – noch einmal – auf das «à-Dieu-Sagen» selbst gelenkt, auf das face à face der «Ursituation».

Hat es nur den paradoxen, den «überflutenden» Sinn, den Anderen willkommen zu heissen (in manchen Gegenden Frankreichs ist es nicht unüblich, sich Adieu im Augenblick der Begegnung, nicht des Auseinandergehens zu sagen . . .)? Am Ende des Essays kommt Derrida darauf zu sprechen, und er ermahnt sich: «Man würde es [das ausschliesslich so verstandene «à-Dieu»] zum Vorwand nehmen, um den Tod zu vergessen.» Das Denken von Lévinas aber sei, «von Anfang bis Ende», eine Meditation über den Tod gewesen. Davon kann sich, in der Tat, überzeugen, wer Lévinas liest. Dass «ich» dem «nackten Antlitz» des Anderen über jegliches Mass hinaus verpflichtet, für es verantwortlich sei, findet seine Fortsetzung in der «Schuld des Überlebenden», einer Schuld ohne Vergehen zwar, aber darum auch einer nicht abzutragenden Schuld. Niemals, so Lévinas, sei man «quitt».

Der Tod des Anderen also scheint die «Ursituation» der Lebenden – soll man sagen: lediglich? – zu zementieren oder zu intensivieren. In diese «Richtung» liesse sich auch der unendliche Abstand deuten, der «mich» laut Lévinas vom Anderen trennt, weil nicht er «mir» verpflichtet ist, sondern nur «ich» ihm es bin (eine Beziehung ohne Wechselbeziehung). Dem spürt Derrida in seinem Abschiedswort fragend nach: «Wenn die Beziehung zum Anderen eine unendliche Trennung bedeutet, eine unendliche Unterbrechung, in der das Antlitz aufscheint, was geschieht dann, wo und wem geschieht es, wenn eine andere Unterbrechung, herzzerreissende Unterbrechung inmitten der Unterbrechung, mit dem Tod diese erste Trennung noch einmal mit Unendlichkeit aushöhlt?»

Der Tod trennt Getrennte, und er bindet den Überlebenden. – Die bodenlose Zweideutigkeit, die sich hier auftut, spricht Derrida nicht mehr eigens an: Ist der Tote noch anwesend? Oder ist der Lebende schon abwesend? Ist die Verantwortung gegenüber dem lebenden, aber unendlich entrückten, unerreichbaren Anderen eine bittere, eine verzweifelte Verantwortung? Ist die Schuld des Überlebenden tröstlich? Worte geliehen, andere Worte, hat Derrida dem, was da sich abzeichnet, andernorts, in dem gleichfalls seit kurzem in deutscher Übersetzung erhältlichen Essay «Aporien». Er spricht dort, in einer Auseinandersetzung mit Heidegger, von der «unmöglichen Gleichzeitigkeit», für die «Tod» der Name sei; davon mithin, dass man – «Unzeit der Trauer» – «verspätet kommen» müsse und nicht früher, um den Anderen erwarten zu können an diesem merkwürdigen «Treffpunkt».

Autorenporträt
Jacques Derrida, 1930 in El-Biar, Algerien, geboren, ist Professor für Philosophiegeschichte an der Ecole Normale Superieure in Paris. In deutscher Übersetzung erschienen u.a.: Grammatologie (1983) und Gesetzeskraft (1991).






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