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Dürr, Renate (2001): "Sex und Gender als Interpretationskonstrukte [kommentiert (RK)]", in: Waniek, Eva / Stoller, Silvia (Hg.): Verhandlungen des Geschlechts. Zur Konstruktivismusdebatte in der Gender-Theorie. Wien: Turia & Kant, 193-203.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Renate Dürr versucht in diesem kurzen, sehr prägnant ausgearbeiteten Beitrag die Frage der Geschlechterdifferenz mit Hans Lenks erkenntnistheoretischem Stufenmodell der Interpretation zu klären und intendiert dabei eine Vermittlung zwischen realistischen und konstruktivistischen Positionen der Sex-Gender Debatte. Die Kernthese des Interpretationskonstruktivismus lautet, dass Gegenstände der Wirklichkeit als Interpretationen erfasst werden. Dürrs Modell geht von einer sechsstufigen Skala aus, nach der, angefangen von vorsprachlichen Voraussetzungen, in einem steigenden Kontinuum von Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen hochgradig komplexe Interpretationsleistungen aufgebaut werden. Als Urinterpretationen bezeichnet Dürr Erregungsmuster in neuronalen Verbänden, die "Interpreten" sind in diesem Fall das zentrale und das periphere Nervensystem. Diese Art von Interpretationen sind biologisch festgelegt, also nicht willkürlich gestaltbar - Dürr spricht hier von "Hardware".

Die Formen der Erkenntnis und Wirklichkeitskonstruktion siedelt Dürr auf den darauffolgenden Stufen der "(Muster-)Schematisierungen nichtsprachlicher Provenienz" und der "Schematisierungen sprachlicher Art" an. Mit der These, dass Erkenntnissubjekte Erkenntnisobjekte generieren, greift Dürr explizit auf die Erkenntnistheorie Kants zurück und verbindet diese mit der These der Kognitionstheorie, dass Gegenstände der Außenwelt vom Organismus umgeformt und für ihn "lesbar gemacht" werden (196). Ihre Behauptung, dass das heutige Gebiet der kognitiven Psychologie die Kantische Theorie beerbe, ist allerdings gründlich zu hinterfragen. Gegenstände der Naturwissenschaften werden den Interpretationsstufen 1 und 2 zugeordnet, während weitgehend sozial normierte Gegenstände als Interpretationsleistungen höherer Stufen beschrieben werden. Dürr ist es wichtig, nicht einem rein sozialen Konstruktivismus verhaftet zu bleiben und grenzt sich an dieser Stelle auch zu Wittgenstein ab, der Lebensformen und Sprachgemeinschaften als letzten, unhintergehbaren Bestimmungsgrund angibt. Demgegenüber rückt Dürr vorsprachliche und vorsoziale Strukturen in den Blick.

Die Begriffe Sex und Gender werden in diesem Modell als weitgehend sozial normierte und damit flexible Interpretationskonstrukte der Ebene 4 "bewusst geformte Einordnungsinterpretationen" aufgefasst. "Sex" als biologisches Phänomen, werde jedoch, so Dürr, wahrnehmungsnäher konstituiert im Unterschied zu Genderkonstruktionen, die immer schon strukturierte Körperkonzeptionen voraussetzen. Obwohl Dürr eindeutig festhält, dass auf den unteren Interpretationsstufen die Geschlechterdifferenz keine Rolle spiele und die höheren Interpretationsstufen prinzipiell keine normativen Vorgaben erzwingen, hält sie dennoch fest, dass gewissen Interpretationen eine gewisse Allgemeingültigkeit als anthropologische Muster und Konstanten zukäme. Zu diesen gehöre auch die Dichotomie männlich/weiblich, eine Unterscheidung, die, so Dürr, durch die "genetische Ausstattung" (198) erzwungen wäre. Das Stufenmodell der Interpretation erlaubt, so Dürr, eine feine Ausdifferenzierung der Begriffe Sex und Gender, indem diese als Interpretationsleistungen verschiedener Stufen aufgefasst werden können. Weiters kann damit gezeigt werden, dass die Unterscheidung männlich/weiblich nicht nur sprachlich und sozial konstruiert ist, sondern immer auch an eine körperbezogene Wahrnehmungsebene gebunden bleibt.







Siehe auch: Konstruktion (ST/RK); Bewusstsein (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Kognition (ST/RK); Schema (RK); Verstehen (ST/RK); System, soziales (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Bürscher, Sabine (1996): "Die Radikalität der Erkenntnis. Feministische Theorieproduktion und Radikaler Konstruktivismus [kommentiert (RK)]"
•  Dürr, Renate / Lenk, Hans (1995): "Referenz und Bedeutung als Interpretationskonstrukte"
•  Lenk, Hans (1993): Philosophie und Interpretation.
•  Lenk, Hans (1998): Einführung in die Erkenntnistheorie. Interpretation Interaktion Intervention.






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