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Exner, Hella / Reithmayr, Franz (1993): "Anmerkungen zu Maturanas Versuch einer Ethik [kommentiert (RK)]", in: Fischer, Hans Rudi (Hg.): Autopoiesis. Eine Theorie im Brennpunkt der Kritik. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 137-153.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

H. Exner und F. Reithmayr gehen der Frage nach, ob und inwieweit es Humberto Maturana gelingt, aus seiner biologischen Erkenntnistheorie eine überzeugende Ethik abzuleiten. Maturana geht davon aus, dass menschliches Verhalten immer auch auf andere Menschen Einfluss nimmt und deshalb grundsätzlich ein Verhalten mit ethischer Bedeutung ist. Sein an der Biologie orientiertes Ethikkonzept baut auf folgenden vier Begriffen auf: Freiheit, Verantwortung, Toleranz und Liebe. H. Exner und F. Reithmayr unterziehen diese vier Begriffe hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit für die Formulierung einer Ethik einer kritischen Analyse. Entsprechend dem Anspruch, beobachtete Phänomene in der Erklärung zu generieren, muss Maturana mit seiner Ethik Willens- und Handlungsfreiheit erzeugen können, er darf diese Begriffe nicht einfach postulieren.

Die Möglichkeit menschlicher Freiheit sieht Maturana in der Fähigkeit, menschliches Verhalten zu beobachten und durch Interaktion zu beeinflussen. Metabeschreibungen wie Worte, Gedanken und daraus resultierende Handlungen werden so Teil der Umwelt, mit der Menschen interagieren. Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit, so Maturana, perturbieren uns ebenso wie alles andere, mit dem wir interagieren, und lösen dadurch Strukturveränderungen aus. Auch die Tatsache, dass ein Lebewesen die Möglichkeit hat, sich gegen die Erwartungen einer/s BeobachterIn zu verhalten, stellt für Maturana eine Option zum freien Handeln dar. Als lebende Systeme bewegen wir uns in einem Zwischenspiel von Autonomie (wir sind struktur- und nicht umweltdeterminiert) und Heteronomie (das uns umgebende Milieu/Medium selektiert unsere Strukturveränderungen). Als BeobachterInnen, so Maturana, haben wir einerseits das Erlebnis der Willensfreiheit, können aber andererseits das System, das wir selbst sind, nicht vorherbestimmen. Dieser Freiheitsbegriff bringt eine Freiheit des "Als-ob" zum Ausdruck und verweist als solcher auf eine lebensnotwendige Illusion.

Verantwortung wird aus dieser Perspektive als biologisches Phänomen begriffen, und ist nach Auffassung der AutorInnen ebendeshalb keine ethische Kategorie mehr. Ebenso problematisch finden die beiden Maturanas Toleranzbegriff, den er durch die Vielfalt kognitiver Wirklichkeiten begründet. Dieser verweist zwar auf einen Pluralismus von Wahrheiten und Weltsichten, schießt im ethischen Bereich jedoch über das Ziel hinaus: Maturanas Vorstellung einer pluralistischen Gesprächskultur scheitert daran, dass sie Kommunikationsbereitschaft und Mitgefühl aller Beteiligten praktisch voraussetzt.
Der Zusammenhang zwischen Liebe und Sozialität schließlich ist bei Maturana tautologisch gefasst: Liebe erzeugt soziale Systeme und wird gleichzeitig als Charakteristikum sozialer Systeme definiert. Maturana gelingt es deshalb nicht, einen biologischen Mechanismus darzustellen, der soziale Systeme erzeugt. Insgesamt, so schlussfolgern Exner und Rathmeier, lässt sich Maturanas Projekt, auf der Grundlage einer neurophysiologischen Kognitionstheorie eine Ethik zu entwickeln, nicht durchführen.






Siehe auch: Funktion (ST/RK); Bewusstsein (ST/RK); Autopoiesis (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kognition (ST/RK); System, soziales (ST/RK); Kommunikation (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Biologie der Sozialität [kommentiert (RK)]"
•  Maturana, Humberto R. (1987): "Kognition [kommentiert (RK)]"
•  Maturana, Humberto R. / Verden-Zöller, Gerda (1993): Liebe und Spiel. Die vergessenen Grundlagen des Menschseins. Matristische und patriarchale Lebensweisen.
•  Rusch, Gebhard / Schmidt, Siegfried J. (Hg.) (1995): DELFIN 1995. Konstruktivismus und Ethik.






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