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Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen [kommentiert (D)]. Übers. von Ulrich Raulff und Walter Seitter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp [franz.: Histoire de la sexualité. Vol. 1. La volonté de savoir. Paris: Gallimard 1976].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Foucaults 1976 erschienene Schrift Der Wille zum Wissen ist der erste, einleitende und vorbereitende Teil von ursprünglich sechs geplanten Bänden zur Geschichte der abendländischen Sexualität. Dabei interessiert sich Foucault weniger für die Geschichte der sexuellen Praktiken und Verhaltensweisen als vielmehr für die Art und Weise, wie diese Verhaltensweisen zu Wissensobjekten geworden sind und wie der Erkenntnisbereich der Sexualität als Effekt und Instrument der Macht hervorgebracht worden ist.

Foucaults Ausgangspunkt bildet die Kritik an der psychoanalytisch-marxistischen "Repressionshypothese", die besagt, dass der Sex - einschließlich all seiner Äußerungs- und Ausdrucksformen - mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft unterdrückt worden ist. Foucault setzt gegen eine Ökonomie der Restriktion und der Repression die Instanzen der diskursiven Produktion von Wissen und Macht und geht davon aus, "daß seit Ende des 16. Jahrhunderts die 'Diskursivierung' des Sexes nicht einem Restriktionsprozeß, sondern im Gegenteil einem Mechanismus zunehmenden Anreizes unterworfen gewesen ist" (22f.). Entscheidend ist weniger, was über einen Gegenstand - den Sex - gesagt wird und welche Positionen, Meinungen und Überzeugungen zur Geltung gebracht werden, sondern dass man davon spricht, wer spricht, von wo aus gesprochen wird, wie das Gesagte gesammelt, archiviert und verbreitet wird. Ihren 'Ursprung' hat diese Diskursivierung in den klösterlichen Praktiken der Askese, der Beichte und des Geständnisses, die zunächst nur für Einzelne galten. Seit dem 17. Jahrhundert aber ist der abendländische Mensch vor die "quasi unendliche Aufgabe" gestellt, sich selbst oder einem anderen alles über seinen Sex zu sagen. Das Begehren selbst soll zur Sprache gebracht werden (30f.).

Gegenüber der Vorstellung einer repressiven, das Individuum und seine Sexualität einschränkenden Macht, die das, was sie unterdrückt, immer schon als gegeben voraussetzen muss, entwickelt Foucault ein polyzentrisches Modell einer das moderne Individuum und seinen Körper durchziehenden und konstituierenden produktiven Macht. Die Analyse der Macht ist folglich kein Selbstzweck, sondern zielt darauf ab, die Art und Weise zu untersuchen, in der und durch die das Individuum sich selbst in ein Subjekt verwandelt und als Subjekt einer 'Sexualität' erkennt und konstituiert.

Auch wenn in Foucaults Analyse der Macht und des Sexualitätsdispositivs der Begriff des sozialen Geschlechts (gender) keine Rolle spielt, so gilt doch der Wille zum Wissen als einer der Gründungstexte der Gender und Queer Theory, insofern er Sexualität als soziokulturelles Produkt eines Dispositivs lesbar macht, das Wissen und Macht, Diskurse, Institutionen und soziale Praktiken miteinander verknüpft. Im Mittelpunkt feministischer Auseinandersetzungen steht vor allem Foucaults ambivalenter Begriff des Körpers als Oberfläche kultureller Einschreibungen (vgl. u.a. Butler, McNay, Fink-Eitel). Während Foucault einerseits zu argumentieren scheint, dass Körper diskursiv und kulturell konstruiert sind, so legt andererseits seine Rhetorik "der Körper und der Lüste" (187) nahe, dass es einen Körper gibt, der als gegebener seinen kulturellen und historischen Einschreibungen vorausgeht. Dieses 'Paradox körperlicher Einschreibungen' bildet den Ausgangspunkt für Butlers kritische Auseinandersetzung mit Foucault, die sich durch ihr gesamtes Werk zieht.

Siehe auch: Macht (D); Subjekt (D); Körper (D); Diskurs (D); Genealogie (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1989): "Foucault and the Paradox of Bodily Insriptions [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses [kommentiert (D)].
•  McNay, Lois (1992): Foucault and Feminism. Power, Gender and the Self [kommentiert (D)].






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