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Fuchs, Peter (1999): Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme [kommentiert (ST)]. Konstanz: UVK.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Bei dem vorliegenden Text von Peter Fuchs handelt es sich um die Niederschrift einer Vorlesung, um eine lebendige "Dreißigstunden-Erzählung" über "Liebe, Sex und solche Sachen", die dem Verfasser die Gelegenheit zur Spekulation und zum "gebändigten Ausschweifen" gibt. Der "Erzähler" möchte den Text auch als unterhaltsame und provokante Einführung in die Systemtheorie verstanden wissen. Inhaltlich gliedert sich der Text in vierzehn Vorlesungen, die facettenreich Liebessemantiken, sexuelle Wahrnehmungen und Kommunikationen, Pathologien der Liebe, auch in Familie und Verwandtschaft, mit ihren jeweiligen sozialen Umwelten beschreiben.

Das Phänomen der Liebe wird soziologisch entzaubert. Es geht nicht um die Poesie der Liebe, sondern um ein nicht-triviales Kommunikationssystem. Liebe als "Konstruktion wechselseitiger Totalannahme im Modus der Höchstrelevanz" wird mit unseren, meist romantisch konnotierten Alltagsvorstellungen von Liebe kontrastiert. Stück für Stück, Vorlesung um Vorlesung, wird das Alltagsbild der Liebe soziologisch mit dem systemtheoretischen Seziermesser dekomponiert und auf sehr nüchterne, aber auch interessante und instruktive Weise als Intimsystem (re-)konstruiert. Dazu arbeitet Fuchs noch einmal Luhmanns strikte Unterscheidung zwischen psychischen Systemen und sozialen Systemen heraus. Ihm geht es nicht um den Alltagsbegriff der Liebe, um die ontologische Frage, 'was ist Liebe?', sondern er geht der Frage nach, wie Liebe in der Gesellschaft kommuniziert wird. Nur psychische Systeme (Individuen) sind erlebende Systeme; das Intimsystem Liebe ist als soziales System nicht erlebnisfähig, sondern es kommuniziert dies wiederum höchst komplex.

Während gegenwärtig nicht nur die Soziologie zu dem Befund der "Polykontexturalität" gelangt, der Einsicht oder auch nur Annahme, dass sich die moderne Gesellschaft nicht als Einheit beobachten lässt, sondern sich in vielfältige Differenzierungen auflöst, betreibt die Liebe ein scheinbar antiquiertes Programm. Durch das Ausblenden von Idiosynkrasien wird die Komplettberücksichtigung und die Komplettzugänglichkeit der/des Anderen gesucht. Dieser paradoxe Vorgang, der scheinbar das Geschlecht aufhebt, der den Alltag einzelner Personen und auch ganzer Familien so entscheidend prägt, bildet den Spannungsbogen der "Erzählung" von Fuchs. Insbesondere das Intimsystem Sexualität wird als symbiotischer Mechanismus vorgeführt, als Krisenindikator und Krisenregulator, der vermutlich eine Vorform des Funktionssystems Familie ist. Die Niederschrift der Vorlesung wird mit Fragen und Antworten eines Abschlusskolloquiums abgerundet, die ihre theoretischen Grundlagen leichter verständlich machen.

Siehe auch: Funktion (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); System, psychisches (ST); System, soziales (ST/RK); Konstruktion (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Fuchs, Peter (1997): "Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie"
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1990): "Glück und Unglück der Kommunikation in Familien: Zur Genese von Pathologien"
•  Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Wahrnehmung und Kommunikation sexueller Interessen"

Externe Links
•  Jokisch, Rodrio (2001), Wie ist Geschlecht möglich? (Online-Artikel)





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