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Großmann, Brit (1999): "Der Einfluß des Radikalen Konstruktivismus auf die Kommunikationswissenschaft [kommentiert (RK)]", in: Rusch, Gebhard / Schmidt, Siegfried J. (Hg.): DELFIN 1997. Konstruktivismus in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 19-51.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Brit Grossmann stellt in diesem informativen Artikel die Vielfalt konstruktivistischer Einflüsse in der Kommunikationswissenschaft vor und vermittelt den LeserInnen einen guten Überblick über die konstruktivistisch-kommunikationswissenschaftliche Diskurslandschaft. Sie weist darauf hin, dass bereits unabhängig von konstruktivistischen Ansätzen im Bereich der Kommunikator- und Publikumsforschung die subjektive Wahrnehmung von JournalistInnen und MedienkonsumentInnen thematisiert wurde. An diese Debatten innerhalb der Kommunikationswissenschaft konnten konstruktivistische Ansätze anschließen. Problematischer sind hingegen systemtheoretische Arbeiten, die sich ausschließlich auf Luhmanns Soziologie stützen. Großmann präsentiert kurz Luhmanns Kommunikationstheorie der Autopoiesis sozialer Systeme, fasst Hauptkritikpunkte zusammen und moniert, dass diese viele kommunikativ relevante Faktoren ausblende, so zum Beispiel Geschlechter- und Generationenverhältnisse.
Demgegenüber umfassen konstruktivistische Kommunikationsmodelle individuelle, soziale und kommunikative Aspekte. Großmann stellt kurz Siegfried J. Schmidts konstruktivistische Medienkulturtheorie vor, welche die Doppelperspektivierung von Kommunikation und Kognition sowie die Bedeutung kollektiven Wissens betont. Massenmedien vermitteln aus dieser Perspektive Informationsangebote zur Stabilisierung von kollektiven Wirklichkeitskonstruktionen. Die von Schmidt entwickelte konstruktivistische Mediengattungstheorie stellt eine Reaktion auf die getrennte Betrachtung von MedienproduzentInnen und MedienkonsumentInnen dar. Gattungen werden als Medienschemata, als kognitive Konzepte, aufgefasst, die sowohl bei der Produktion als auch bei der Rezeption von Medienangeboten wirksam werden. Sie sind soziokulturelle Invarianten, die medienbezogene Interaktionen organisieren.

Für den Bereich der Publikumsforschung skizziert Großmann Klaus Mertens multivariates Wirkungsmodell, das die Kritik an der klassischen Wirkungsforschung mit konstruktivistischen Erkenntnissen verbindet und an das aktuelle Konzept des "aktiven Publikums" anschließbar ist. Merten fasst Kommunikation als situationsspezifischen, systemisch organisierten Prozess auf, der alle beteiligten Individuen beeinflusst und verändert. Da Kommunikationsprozesse reflexiv strukturiert sind (Wirkungen verändern Wirkungen) wirken Medienangebote immer nur indirekt. Für den Bereich der Kommunikatorforschung stellt Großmann Siegfried Weischenbergs Studien zum sozialen System Journalismus vor. Er knüpft an die konstruktivistische Mediengattungstheorie und an systemtheoretische Überlegungen der Soziologie an. Als journalistische Medienschemata gelten einerseits Berichterstattungsmuster ('Gesamtstrategien des Wirklichkeitsbezugs'), andererseits konkrete Darstellungsformen. Interessant dabei ist, so bemerkt Großmann im Anschluss an eine Studie Weischenbergs, dass viele JournalistInnen ihre Arbeit nicht als wirklichkeitskonstitutiv, sondern als realitätsabbildend einschätzen und sich als neutrale BerichterstatterInnen begreifen. Objektivität im konstruktivistischen Sinn erscheint demgegenüber als intersubjektive Vereinbarung, sich an Kriterien journalistischer Wirklichkeitskonstruktion zu halten. Dabei spielen Faktoren wie Normen- und Strukturzusammenhänge, Medienaussagen und Rollenzusammenhänge zwischen MedienakteurInnen eine Rolle. Für den Bereich der Medientheorie präsentiert Großmann kurz die Arbeiten von Peter Spangenberg, der sich, geleitet von einem systemtheoretischen Ansatz, mit massenmedialer bzw. mit audiovisueller Kommunikation befasst und in Anlehnung an Luhmanns symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien "generalisierte Kommunikationsqualitäten" beschreibt.

Einen größeren Abschnitt widmet Großmann dem Thema Massenmedien als System. Sie stellt verschiedene Ansätze vor, die alle von Luhmann ausgehen und zum Teil zu unterschiedlichen und ihrer Ansicht nach zu abstrakten Ergebnissen kommen. Luhmann fasst Massenmedien als ein funktional differenziertes System der modernen Gesellschaft auf, dessen Kommunikationen anhand des Codes "Information/Nichtinformation" selegiert werden. Die Funktion von Massenmedien für andere gesellschaftliche Funktionssysteme besteht seiner Ansicht nach darin, anderen Systemen (Selbst-)Beobachtung zu ermöglichen. Bernd Blöbaum übernimmt Luhmanns Modell, zeichnet die historische Entwicklung des Journalismus nach und rekonstruiert als seine Funktion, die Einheit der Gesellschaft stabil zu halten. Frank Marcinkowski schließlich fasst Publizistik als autopoietisches System des Veröffentlichens auf, das dem Code "öffentlich/nicht öffentlich" folgt und das einerseits die Komplexität der Welt durch Themenstrukturen reduziert, andererseits die wechselseitige Beobachtung anderer Funktionssysteme ermöglicht.
Abschließend führt Großmann Klaus Krippendorffs konstruktivistische Reflexionen zur Kommunikationstheorie an. Dieser hebt mit v. Glasersfeld den Aspekt der Verantwortlichkeit aller Individuen für ihre Wirklichkeitskonstruktion hervor und formuliert fünf Imperative für wissenschaftliches Handeln. Als Fazit stellt Großmann fest, dass konstruktivistische Ansätze den Boden für interdisziplinäre Forschungen bereiten, sich aber auf empirischer Ebene noch zeigen müsse, welche Konzepte adaptiert werden können.






Siehe auch: Mediensystem (RK); Medienschema (RK); System, soziales (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Repräsentation (RK); Kommunikation (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Funktion (ST/RK); Kognition (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Blöbaum, Bernd (1994): Journalismus als soziales System.
•  Krippendorf, Klaus (1993): "Major Metaphors of Communication and some Constructivist Reflections on their Use"
•  Krippendorf, Klaus (1996): "A Second-order Cybernetics of Otherness"
•  Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien.
•  Merten, Klaus / Schmidt, Siegfried J. / Weischenberg, Siegfried (Hg.) (1994): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft..
•  Schmidt, Siegfried J. (1994): Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur.
•  Schmidt, Siegfried J. (2000): Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft.
•  Scholl, Armin (Hg.) (2002): Systemtheorie und Konstruktivismus in der Kommunikationswissenschaft.






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