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Hagemann-White, Carol (1993): "Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen aus einer theoretischen Einsicht [kommentiert (ST)]", in: Feministische Studien, "Kritik der Kategorie »Geschlecht«", hg. von Hilge Landweer und Mechthild Rumpf (2), 6878.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de


Carol Hagemann-White resümiert in ihrem Aufsatz die feministische Theoriebildung seit Ende der 70er Jahre und stellt für den deutschsprachigen Raum eine "Rezeptionssperre" gegenüber dem ethnomethodologischen Ansatz der kulturellen Konstruktion des Geschlechts fest. Sie plädiert für einen Wechsel in der Form sowie in den empirischen Methoden der Beobachtung der Geschlechterdifferenz. Dazu sei es notwendig, das konstruktivistische Paradigma des doing gender ernst zu nehmen, und die Genderfrage nicht nur als Problem von Frauen oder Weiblichkeit in Differenz zu dominanter Männlichkeit zu handhaben, sondern Geschlechtsidentität als laufenden Prozess der Selbstkonstruktion zu untersuchen. Der feministischen Theoriebildung und Forschung wirft Hagemann-White vor, dass sie bislang elitär und wie selbstverständlich nur die Situation für die weiße, westliche Mittelschichtfrau untersucht habe und Frauen deshalb in unzulässiger Weise als ein homogenes Gattungswesen behandle. Solch ein zweifelhaftes Substrat "Frau" kann ihrer Meinung nach nicht sinnvoll als Grundlage von Geschlechterforschung dienen.

Zur Handhabung der methodischen Probleme in der Genderforschung schlägt Hagemann-White ein mehrstufiges Modell vor. Grundlegend wäre die theoretische Aufgeschlossenheit mittels der Perspektive der kulturellen Konstruktion des Geschlechts. Dabei zeigt sie, dass es sich bei der konstruktivistischen Sichtweise keineswegs um eine "Verkündung postmoderner Beliebigkeit" handelt, sondern dass erst die Beobachtung der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit den theoretischen und empirischen Zugang zu Prozessen der Herstellung von Geschlecht eröffnet und damit der Frauenforschung notwendige Differenzierungen ermöglicht. Statt von bestimmten Differenzen und ihrer Geschlechtsspezifik auszugehen, gilt es, diese erst einmal geschlechtsunabhängig zu erforschen bzw. zumindest "von der potentiellen Geschlechtsunabhängigkeit [...] der gleichen Befunde aus[zu]gehen". Sowohl bei Frauen und Männern lassen sich weibliche und männliche Attribute und Wahrnehmungen beobachten. Erst daran anschließend kann empirisch geprüft werden, inwieweit bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen soziale Geschlechtsbedeutung gewinnen. Zugleich findet konkrete (Geschlechter-)Forschung in Alltagssituationen statt, deren Prozesscharakter es zu berücksichtigen und handzuhaben gilt, mit Hilfe der Alltagskompetenz im doing gender, ohne ihr jedoch zu verfallen.

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Kognition (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); De-Ontologisierung (ST/RK); Sprache (ST/RK); Semantik (ST)

Literaturhinweise
•  Hagemann-White, Carol (1988): "Weiblichkeit, Leiblichkeit und die kulturelle Konstruktion der Geschlechterpolarität"
•  Hagemann-White, Carol (1988): "Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren ..."
•  West, Candance / Zimmermann, Don H. (1987): "Doing Gender"






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