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Jokisch, Rodrigo (2001): "Wie ist Geschlecht möglich? Zur Beobachtung von 'Sexualität' und 'Geschlecht' [kommentiert (ST)]", in: (Hg.): . Berlin, Mexico: MS Technische Universität Berlin, http://www.tu-berlin.de/~society/Jokisch_GB_Geschlecht.htm.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Rodrigo Jokisch, der in Anlehnung an Niklas Luhmanns Systemtheorie und George Spencer Browns Laws of Form eine Distinktionstheorie entwickelt hat, wählt in diesem Aufsatz als erstes Anwendungsbeispiel das Thema Sexualität und Geschlecht. Die Beobachtung von Menschen aus der Perspektive der Leiblichkeit führt zur Distinktion von Mann und Frau, zum elementaren Sinnsystem Sexualität. Die Reflexivität dieses Sinnsystems kondensiert Geschlecht als theoretische Kategorie. Zur Veranschaulichung seiner Thesen unternimmt Jokisch eine Reihe von Exkursen zur psychischen und sozialen Phylogenese und Ontogenese von Menschen und Gesellschaften. Historisch führte eine semantische "Austrocknung" des komplexen Sinnsystems Sexualität zu einer reduktionistischen Mann/Frau-Distinktion, die aufgrund ihres Gehaltsverlustes auf beiden Seiten der Distinktion codierungsfähig wurde. Erst diese verengte Bedeutung von Geschlecht befähigte die Mann/Frau-Distinktion zur globalen Ausbreitung als grundlegende soziale Kategorie.

Die Verselbständigung, oder operative Schließung von Sinnsystemen setzt je eine handlungsorientierte und eine kommunikationsorientierte Distinktion voraus. Im Falle von Sexualität und Geschlecht kommt es zu einer Verschränkung der Distinktion von "Lust/Unlust" , die den Handlungsaspekt des Systems emuliert und asymmetrisch verläuft, sowie der Distinktion von "Mann (und/oder) Frau", die auf den Kommunikationsaspekt des Systems verweist und symmetrisch verläuft. Auf der Ebene der Leiblichkeit operiert das Sinnsystem Sexualität über Lusterwartungen, während die soziale Wahrnehmung des Körpers über geschlechtstypische Erwartungen läuft.

Abschließend behandelt Rokisch im Rahmen seiner Distinkionstheorie in Anlehnung an Luhmanns Aufsatz "Frauen, Männer und George Spencer Brown" das Verhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung als protologisches und gesellschaftliches Problem von Asymmetrie. Während Luhmann dem Vorschlag Spencer Browns folgt, die verschiedenen Funktionen des Unterscheidens und Bezeichnens in einem Operator zusammenzufassen, zieht Jokisch sie als zwei Operationen auseinander und setzt eine Distinktion zwischen Differenz und Unterscheidung an. Da Unterscheidungen stets durch einen Beobachter bzw. eine Beobachterin realisiert werden, lagern sich, im Gegensatz zur Gleichwertigkeit der Differenz, an der Unterscheidung Präferenzen an, die zwangsläufig in Asymmetrien münden. Dadurch entsteht in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften "das Problem einer Abstimmung von asymmetrischer Unterscheidung, funktionaler Struktur und Gleichheitssemantik."

Siehe auch: Beobachtung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Funktion (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Re-entry (ST); Sinn (ST); System/Umwelt (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Jokisch, Rodrigo (1996): Logik der Distinktion. Zur Protologik einer Theorie der Gesellschaft.
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): "Glück und Unglück der Kommunikation in Familien: Zur Genese von Pathologien"
•  Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Wahrnehmung und Kommunikation sexueller Interessen"






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