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Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)]. Frankfurt/M.: Suhrkamp.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Wien, 31.7.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Der vorliegende Grundriß bildet mit ca. 670 Seiten Umfang als "Einleitungskapitel" den ersten Teil einer umfassenden (dreiteiligen) Theorie der Gesellschaft, zu der Luhmann mit dem zweiten Teil Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) die systematische Ausarbeitung einer mit der Systemreferenz Gesellschaft operierenden Theorie vorlegte. Zwischenzeitlich hatte Luhmann vom dritten Teil einige "Kapitel", d.h. Analysen einzelner Funktionssysteme vorge-zogen Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das Recht der Gesellschaft (1993), Die Kunst der Gesellschaft (1995) posthum erschienen Die Politik der Gesellschaft (2000) und Die Religion der Gesellschaft (2000). Dieses über 5000 Seiten umfassende "Konvolut" bildet den Kern der luhmannschen Gesellschaftstheorie, seines Lebenswerks.

In Soziale Systeme entwickelt Luhmann die systemtheoretischen Grundlagen soziologischer Theorie. Im Mittelpunkt steht das Konzept der selbstreferenziellen Operationsweise (Autopoiesis), das es auf die Theorie sozialer Systeme zu übertragen gilt. Gegenüber der ontologischen Denktradition in den Geistes- und Sozialwissenschaften, auch in der Systemtheo-rie selber, markiert Luhmanns "autopoietische Wende" einen Paradigmenwechsel. Dabei orientiert sich die Theorie sozialer Systeme an einer allgemeinen Systemtheorie als interdisziplinärem Paradigma. Zugleich erhebt sie den Anspruch, "den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie zu erfassen und in diesem Sinne universelle soziologische Theorie zu sein."
Bei der Beschreibung sozialer Systeme geht Luhmann grundlegend von der Differenz aus und nicht von der ursprünglichen Einheit. Bei seinen Beobachtungen trifft er elementar eine System/Umwelt-Unterscheidung. Die Systeme operieren darin als autopoietische Einheiten, d.h. ihr dienen Kommunikationen als nicht weiter dekomponierbare Letztelemente, die vom System in einem selbstreferenziellen Prozess erzeugt werden. Die Selbstperpetuierung der Kommunikation führt zur operativen Schließung der Systeme gegen ihre Umwelt und gewährleistet so ihre Fortsetzung. Folglich bestehen Soziale Systeme ausschließlich aus Kom-munikationen. Sie setzen sich nicht aus psychischen Systemen bzw. Bewusstseinen zusammen, da diese füreinander und für die Kommunikation irreduzibel intransparent bleiben, und daher Teil der Umwelt sozialer Systeme sind.

Ein solches Theoriedesign, das alles soziale Geschehen, auch die Beobachtung der Gesellschaft durch die Wissenschaft, als Kommunikation konzipiert, führt dazu, dass diese wissen-schaftliche Kommunikation in ihrem eigenen Gegenstand wiederkehrt. Dies hat weitreichende erkenntnistheoretische Konsequenzen, denn Wissenschaft als Beobachterin ist dann nur eine unter anderen Beobachterinnen, die eben nur das beobachten kann, was sie aufgrund ihrer spezifischen Beobachterperspektive beobachten kann, während andere beobachten können, was sie nicht beobachten kann. Wissenschaft und Theoriebildung werden damit nicht beliebig, aber ein Anspruch auf alleinige Gültigkeit oder bessere Erkenntnis wird unhaltbar. In diesem Sinne beansprucht die luhmannsche Systemtheorie Universalität auch nur für den Gegenstandsbereich der Beobachtung und Beschreibung, aber keine universale Geltung oder Wahrheit.

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Ereignis (ST); Evolution (ST/RK); Funktion (ST/RK); Handlung (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Kontingenz, doppelte (ST); Form/Medium (ST); De-Ontologisierung (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Semantik (ST); Sinn (ST); Schrift (ST/RK); Sprache (ST/RK); Struktur (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Subjekt (ST/RK); System, soziales (ST/RK); System, psychisches (ST); Verstehen (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Wissen (ST/RK); Zeichen (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Baecker, Dirk / Markowitz, Jürgen / Stichweh, Rudolf (Hg.) (1987): Theorie als Passion. Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag.
•  Haferkamp, Hans / Schmid, Michael (Hg.) (1987): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme.
•  Kneer, Georg / Nassehi, Armin (Hg.) (1993): Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme.
•  Krawietz, Werner / Welker, Michael (Hg.) (1992): Kritik der Theorie sozialer Systeme.
•  Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände [kommentiert (ST)].






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