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Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]", in: ders. (Hg.): Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag, 196217.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Im vorliegenden Aufsatz beobachtet Luhmann die Familie als soziales System, auch wenn sie durch ein hohes Maß an Personenorientierung gekennzeichnet ist und "man unter System ein eher unpersönliches Arrangement" erwartet. Familien inkludieren als einziges System in der modernen Gesellschaft die ganze Person als Kommunikationsteilnehmer, aber sie repräsentie-ren diese Funktion nicht als einzelne Familie. Sie bilden im Gegensatz zur Wirtschaft oder Religion kein einheitliches Funktionssystem, sondern das System setzt sich segmentär aus vielen Familien zusammen. Dabei ist die Familie autonom, "sofern sie als rekursives Netzwerk der Beobachtung von Beobachtungen fungiert, und sie ist unter diesen Bedingungen ein geschlossenes System, weil sie nur Operationen zulässt, die in diesem Netzwerk anschlussfähig sind." Die kommunikative Schließung zum System erfolgt durch den Wiedereintritt (re-entry) der Form Familie in sich selber. Dazu wird die System/Umwelt-Unterscheidung der Familie zur Gesellschaft an der Person vollzogen. Personen dienen hier als "Identifikations-punkt des Gesamtverhaltens eines Menschen", d.h. sowohl internes als auch externes Verhal-ten werden auf die Person zugerechnet.

Bildete die Familie in segmentären Gesellschaften noch die Grundform der Differenzierung, so ändert sich ihre Bedeutung und Funktion während der gesellschaftlichen Evolution. Im 19. Jahrhunderts verliert die Familie im Zuge der Industrialisierung und funktionalen Differenzierung der Gesellschaft ihre Funktion einer generellen Inklusionsinstanz für die Gesellschaft. Sozialisation ist nicht länger die Spezialfunktion der Familie, und die Verschärfung der Differenz von System und Umwelt zwingt auch die Familie bei Problemlösungen zur Umstellung auf eine Beobachtung von Beobachtungen, "einer Art prekärer dynamischer Stabilität." Anfangs wird das Problem des re-entry noch durch Rollendifferenzierung aufgefangen. An historische Vorbilder anknüpfend, in denen ausschließlich der Mann die Familie ge-sellschaftlich repräsentierte und das Bindeglied zwischen häuslicher und ziviler Gesellschaft bildete, nutzte man die Geschlechterdifferenz in Form einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, um durch eine Trennung der Zeitbudgets von Haushalt und Beruf die beliebige zeitliche Verfügbarkeit von Mann und Frau zu gewährleisten. Doch mit der Auflösung dieses Modells in der Moderne kommt es zu akuten Problemen der Mehrfachbelastung und der zeitli-chen Synchronisation, vor allem zu Lasten der Frauen.

Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Kommunikation (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Re-entry (ST); Semantik (ST); System, psychisches (ST); System, soziales (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Fuchs, Peter (1999): Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Geschlecht und Gesellschaft?"
•  Luhmann, Niklas (1995): "Inklusion und Exklusion"
•  Weinbach, Christine / Stichweh, Rudolf (2001): "Geschlechterdifferenz in der funktional-differenzierten Gesellschaft [kommentiert (ST)]"






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