Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Moser, Sibylle (1999): "Das Dilemma mit dem Selbst. Feministische Autobiografik aus der Sicht konstruktivistischer Theorieangebote [kommentiert (RK)]", in: Pöder, Elfriede / Klettenhammer, Sieglinde (Hg.): Das Geschlecht, das sich un/eins ist. Frauengeschichte und Geschlechterforschung in den Kulturwissenschaften. Innsbruck/Wien: Studienverlag, 286-298.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Sibylle Moser beginnt ihren Aufsatz mit der Kritik normativer Ästhetikvorstellungen in der feministischen Literaturwissenschaft und skizziert anschließend am Beispiel feministischer Autobiografie Anschlussmöglichkeiten der feministischen Literaturkritik an die konstruktivistische Literatur- und Medientheorie. Sie betont, dass das konstruktivistische Medienmodell im Gegensatz zu der akademisch-philologischen Textinterpretation interdisziplinäre Konzepte aus den Sozial- und Naturwissenschaften verbindet und aufgrund seiner empirischen Orientierung literarische Kommunikation als spezialisiertes Handlungssystem auffasst. In diesem Sinn beschreibt sie sowohl literarische Phänomene als auch die Frauenbewegung als soziale Systeme, die spezifische kommunikative Dynamiken verwirklichen.

Sie weist darauf hin, dass die Bekenntnisliteratur der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre aus empirischer Perspektive eine wesentliche Rolle im Zusammenhang von weiblicher Subjektivierung und Bewusstwerdung spielte, aus medientheoretischer Perspektive jedoch epistemologische und ästhetiktheoretische Dilemmata offenbart. Feministische Autobiografien wie die Bestseller von Verena Stefan oder Anja Meulenbelt werfen fundamentale Fragen bezüglich des Geltungsanspruchs von Selbstdarstellungen, der Authentizität weiblicher Erfahrung und der Rolle literarischer Identifikationsangeboten auf. Anhand des epistemologischen Instrumentariums der konstruktivistischen Medientheorie können diese Dilemmata neu perspektiviert werden. Einerseits biete der Radikale Konstruktivismus eine differenztheoretische Reformulierung der Subjektproblematik, die Selbstbeobachtung als operationalen Prozess der Wirklichkeitskonstruktion erscheinen lässt. Andererseits wirke sich die konstruktivistische Wissensauffassung auf die wissenschaftliche Beschreibung autobiografischer Kommunikationsprozesse aus. LiteraturwissenschafterInnen beobachten, so Moser, gemäß ihrer theoretischen Subjektkonstrukte die Konstruktion von "Selbst-Konzepten" auf Seiten autobiografisch schreibender AutorInnen.

Anschließend skizziert Moser die theoretischen Grundlagen des konstruktivistischen Medienmodells und diskutiert dessen konkrete Auswirkungen auf das Verständnis autobiografischer Kommunikationen. Im konstruktivistischen Kontext werden literarische Genres als Medienschemata beschrieben, die auf kognitiver und kommunikativer Ebene symbolische Wissensstrukturen aufbauen und selegieren. Das Medienschema Autobiografik hat die Funktion, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Erlebnisse in eine kommunizierbare Form zu bringen. Je nachdem, ob es innerhalb oder außerhalb des Literatursystems interpretiert wird, eröffnet es verschiedene Möglichkeiten der Subjektivierung. Als Erzählung für eine gegenwärtige LeserInnenschaft bietet es sowohl ästhetisch-fiktionale als auch faktische Reflexions- und Identitätsangebote für die feministische Selbstkonstitution. In gesellschaftspolitischer Hinsicht biete, so Moser, das Genre der feministischen Autobiografie die Chance, "Frauen zur Teilnahme am Literatursystem und damit zum Entwurf alternativer Wirklichkeiten zu ermuntern".







Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Kognition (ST/RK); Medienschema (RK); Mediensystem (RK); Subjekt (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Handlung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1989): "Facts and the Self from a Constructivist Point of View"
•  Moser, Sibylle (1997): Weibliche Selbst-Organisation. Der Wirklichkeitsanspruch autobiographischer Kommunikation. Kapitel 3: "Kommunikation der Geschlechterdifferenz: Die Frauenbewegung als soziales System" [kommentiert (ST)].
•  Moser, Sibylle (2001): Komplexe Konstruktionen. Systemtheorie, Konstruktivismus und empirische Literaturwissenschaft.
•  Rusch, Gebhard (1987): Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt.
•  Scheffer, Bernd (1992): Interpretation und Lebensroman. Zu einer konstruktivistischen Literaturtheorie.
•  Schmidt, Siegfried J. (1991/80): Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe.
•  Schmidt, Siegfried J. (1993): "Gedächtnis Erzählen Identität"






home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive