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Runte, Annette (1994): "Die 'Frau ohne Eigenschaften' oder Niklas Luhmanns systemtheoretische Beobachtung der Geschlechter-Differenz [kommentiert (ST)]", in: Wobbe, Theresa / Lindemann, Gesa (Hg.): Denkachsen. Zur theoretischen und institutionellen Rede vom Geschlecht. Frankfurt/M.: Frankfurt a. M., 297325.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de


Im vorliegenden Text geht Annette Runte am Beispiel des modernen "Extremphänomens" Transsexualität der Frage nach, welche "sozial- und psychosystemische Rolle" die Ge-schlechterdifferenz als relativ stabiler Binärcode im Denkmodell der luhmannschen Systemtheorie spielt, für die das Konzept des Geschlechts keinen "konstitutiven Stellenwert" mehr hat. Runte diskutiert die genderrelevanten Implikationen des Konzeptes der System/Umwelt-Differenz, des Verhältnisses von psychischen Systemen (Bewusstseine) und sozialen Systemen (Kommunikationen), der Asymmetrie von Unterscheidungen, sowie der Codierung von Unterscheidungen und der Paradoxie von Beobachtungen. Ihre These zur Untersuchung lautet, "dass sich im systemtheoretischen Rahmen weder das historische Auftauchen noch die sozial- bzw. psychosystemische Funktionalität des transsexuellen Phänomens völlig begreifbar machen lassen."

Der systemtheoretische Ansatz Luhmanns wird dann jeweils knapp skizziert, um daran die einleitende Fragestellung zu entfalten, ohne jedoch die darin liegenden Potenziale ernsthaft aufzugreifen, wie etwa Pasero (1994; 1995; 1997; 1999) oder Weinbach (2001), sondern es werden dem systemtheoretischen Konzept der sozialen Konstruktion von Geschlecht in eben-so knapper Form eine Fülle von alternativen Denkmodellen mit Verweisen auf Lévi-Strauss, Barthes, Greimas, Lacan, Derrida, speziell die strukturale Linguistik Saussures und Jakobsons, die diskurstheoretische Konzeption Foucaults, sowie die psychoanalytischen Einsichten Freuds gegenübergestellt, um letztlich Luhmanns Ansatz als unzulänglich darzustellen.

Runte sieht zwar einen theoretischen Gewinn in dem epistemologischen Bruch der Systemtheorie mit dem Natur/Kultur-Dualismus und ihrer Umstellung auf eine System/Umwelt-Differenz. Doch in den Implikationen der strikten Trennung von psychischen Systemen (Bewusstseine) und sozialen Systemen (Kommunikationen), sowie Luhmanns "sprachunabhängigem Denken" und seinem "instrumentalistischen Begriff von Sprachlichkeit", lokalisiert Runte die zentralen Schwachpunkte in der Systemtheorie, die es ihr nicht erlauben, "weder systematisch noch historisch die Wechselbeziehungen zwischen Geschlechtlichkeit, Sexualität und Fortpflanzung" zu erfassen. Ihrer Meinung nach wird bei Luhmann "Dieser Komplex [...] auf eine Reproduktionsangelegenheit verkürzt und damit unterschwellig biologisiert."

Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Repräsentation (RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST); Sinn (ST); Struktur (ST/RK); System/Umwelt (ST/RK); Beobachtung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Connell, Robert W. (1995): Masculinities [kommentiert (ST)].
•  Hejl, Peter M. (1987): "Konstruktion der sozialen Konstruktion: Grundlinien einer konstruktivistischen Sozialtheorie [kommentiert (ST), kommentiert (RK)]"
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1987): "Die Autopoiesis des Bewußtseins"
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]"
•  Tyrell, Hartmann (1986): "Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation [kommentiert (ST)]"






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