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Benveniste, Émile (1974): "Über die Subjektivität in der Sprache [kommentiert (D)]", in: Benveniste, Émile: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft. München: List Verlag, 287-297. [erstmals erschienen als "De la subjectivité dans le langage" in: Journal de Psychologie, Juli-Sept. 1958, P.U.F.; wiederabgedruckt in: Problèmes de linguistiue générale. Paris: Gallimard 1966, 258-266]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

In diesem Aufsatz, der erstmals 1958 erscheint (im selben Jahr, in dem Austin seinen Vortrag "Constative-Performative" auf der Konferenz in Royaumont präsentiert), skizziert Benveniste erstmals eine Theorie performativer Äußerungen, ohne jedoch den Terminus performativ selbst zu verwenden.

In seiner Analyse von Aussagen der Form "Ich schwöre...", "Ich verspreche..." usw. kommt Benveniste zu ähnlichen Ergebnissen wie Austin. Originär im Vergleich zu Austin ist jedoch Benvenistes Betonung des 'subjektivierenden' Charakters von Sprache im Allgemeinen und von performativen Äußerungen im Besonderen: "Die Einführung der 'Subjektivität' in die Sprache schafft in der Sprache und, wie wir meinen, auch außerhalb der Sprache, die Kategorie der Person." (293) Benveniste zieht die Schlussfolgerung, dass die performative Äußerung, die Handlung, die sie vollzieht, "in demselben Augenblick schafft, in dem sie das Subjekt", das Ich der Aussage begründet (297).

Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für den Status des Subjekts. Es ist nicht mehr ohne weiteres möglich, die performative Äußerung als eine Äußerung zu verstehen, die von einem selbstbewussten, intentionalen Subjekt verlautbart wird; vielmehr ist die Äußerung die Handlung selbst, die den/diejenige/n, die/der sich als ich aussagt, benennt, d.h. als Subjekt und als Person hinstellt und verpflichtet. Auch wenn Benveniste einerseits an der Vorstellung eines sich-selbst-setzenden Subjekts festhält, insofern er davon ausgeht, dass die Sprache derart organisiert sei, "daß sie jedem Sprecher erlaubt, sich die ganze Sprache zu eigen zu machen, indem er sich als ich bezeichnet" (291), so darf doch andererseits nicht übersehen werden, dass jedes ich nur insofern mein ich ist, als es das ich aller anderen in einer Sprachgemeinschaft ist.

Darauf macht Butler in einem kurzen Text zur Frage der Selbstreferentialität aufmerksam (Butler 1995): Zwar vermag das Individuum, sich die ganze Sprache anzueignen, indem es sich als ich bezeichnet, doch es gelingt ihm niemals, dies in Worten zu tun, die nur ihm eigen sind. Die performative Äußerung, durch die das Individuum sich als ich bezeichnet und setzt, verweist dieses ich zugleich auf seine Sozialität und positioniert es in einer zitathaften Kette.

Siehe auch: Subjekt (D); Sprache (D); Performativität (D); Referenz (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1963): "Performative–Constative [kommentiert (D)]"
•  Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1995): "Self-Referentiality: Pro and Contra"






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