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Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)]. New York/London: Routledge [dt.: Das Unbehagen der Geschlechter. Aus dem Amerikanischen von Kathrina Menke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991].



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

Gender Trouble ist sicherlich Butlers einflussreichstes und zugleich im höchsten Maße kontrovers diskutiertes Buch, das eine entscheidende Wende in der feministischen Theoriebildung eingeleitet hat. Erschienen 1990 und bereits ein Jahr später ins Deutsche übersetzt, hat es die Debatte um die Sex-Gender-Unterscheidung nachhaltig geprägt und ist zu einem Synonym für die feministische Theorie der 90er Jahre geworden.

Ausgehend von Nietzsches Destruktion des Täter-Tat-Schemas sowie Foucaults genealogischer Kritik des neuzeitlichen Subjekts und des Sexualitätsdispositivs vertritt Butler die These, dass das biologische Geschlecht (sex) ebenso kulturell konstruiert ist wie das soziale Geschlecht (gender): "Ja möglicherweise ist sex immer schon gender gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen sex und gender letztlich gar keine Unterscheidung ist." (dt. 24, engl. 7).

Im Unterschied zu Foucault zielt Butlers "kritische Genealogie" von Gender nicht auf die Analyse historisch-empirischer Konfigurationen von Macht und Wissen und ihrer entsprechenden Praktiken. Vielmehr befragt sie die Psychoanalyse Freuds und Lacans, Foucaults Körperbegriff sowie die exponierten Positionen der feministischen Theorie (Simone de Beauvoir, Julia Kristeva, Monique Wittig u.a.) auf ihre verborgenen Voraussetzungen und Identitätskategorien. Genealogische Kritik, wie sie Butler im Anschluss an Foucault und Nietzsche formuliert, besteht darin, die scheinbare Ursache Sex als den naturalisierten Effekt einer diskursiven Praxis oder Formation aufzuzeigen und die binären Optionen "als veränderbare Konstruktionen" offen zu legen (dt. 23, engl. 7).

Butlers Kritik setzt dabei mehreren Punkten an: 1. am Körper "als stumme[r], der Kultur vorgängige[r], auf die Bezeichnung wartende[r] Figur", 2. an der Konstruktion des Geschlechts als Binarität, 3. an der geschlechtlichen Identität als einer inneren Tiefe, die in verschiedenen Formen des 'Ausdrucks' externalisiert wird, 4. an einer primären Bisexualität, 5. an der Konstruktion von Sex(ualität) als vordiskursiver Gegebenheit und schließlich 6. am epistemologischen Paradigma, "das die Priorität des Täters vor der Tat unterstellt" und "ein globales und globalisierendes Subjekt" errichtet, "das sowohl seine eigene Verortung als auch die Bedingungen für eine lokale Intervention verschleiert" (dt. 217f., engl. 147f.).

Allen diesen Annahmen ist gemeinsam, so Butler, dass sie auf einer metaleptischen Fehlbeschreibung basieren, d.h., es handelt sich allgemein um Beschreibungen, die von einer Wirkung notwendig auf eine 'vorangehende' Ursache schließen oder diese vielmehr performativ (voraus-)setzen. Butler rekurriert dabei ausdrücklich auf Nietzsches Zurückweisung jenes metaphysischen Glaubenssatzes, dass hinter jedem Tun auch ein Täter stehen müsse, hinter jedem Wirken und Werden ein indifferentes wahlfreies Subjekt. Indem Butler Nietzsches berühmte These vom Täter und der Tat aufnimmt und weiterdenkt, kommt sie zu dem Schluß, dass gender selbst performativ verstanden werden muss, d.h., gender konstituiert die Identität, die es vorgibt zu sein. "In diesem Sinne ist Gender immer ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorausgeht." (25, dt. 49) Performativität wird hier nicht mehr - ausgehend von Austins Theorie der Sprechakte - als die Möglichkeit eines intentionalen Subjekts verstanden, mit sprachlichen Äußerungen Handlungen zu vollziehen, sondern die Einheit und die Identität des geschlechtlichen Subjekts werden durch die performativen 'Äußerungen' von Gender selbst erst hervorgebracht.

Dabei steht der konstruktive Charakter der Identität, deren Integrität ein emanzipatorisches feministisches Projekt vorauszusetzen scheint, keineswegs im Gegensatz zur Handlungsfähigkeit (agency), vielmehr ist sie ihre Bedingung der Möglichkeit. Butler definiert ihr theoretisches Unternehmen als den Versuch, "das Politische gerade in jenen Bezeichnungsverfahren zu verorten, durch die Identität gestiftet wird, reguliert und dereguliert wird" (216, engl. 147). Handlungsvermögen besteht folglich in der Teilhabe und Aneignung identitätskonstitutiver Verfahren und Mechanismen durch "Strategien der subversiven Wiederholung". Als Beispiele für solche subversiven Praktiken nennt Butler u.a. Formen der Parodie und Imitation heterosexueller Geschlechterstereotypen, was in der Rezeption dazu geführt hat, das Konzept der Performativität als dramatisch-theatralische Performance zu interpretieren und es damit seines theoretisch-kritischen Potentials zu berauben. Im Artikel "Kontingente Grundlagen" und in Bodies That Matter bemüht sich Butler um eine ausführliche Klärung und Weiterentwicklung ihrer Position.

Siehe auch: Handlungsfähigkeit (D); Identität (D); Subjekt (D); Performativität (D); Subversion (D); Konstruktion (D); Metalepse (D); Macht (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1989): "Foucault and the Paradox of Bodily Insriptions [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1993): "Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der Postmoderne [kommentiert (D)]"
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]"
•  Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen [kommentiert (D)].
•  Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift [kommentiert (D)].
•  Salih, Sara (2002): Judith Butler [kommentiert (D)].

Externe Links
•  Judith Butler: A Bibliography
•  philosophy research base - performativity





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