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Stierlin, Helmut (2000): "Pluralismus der Wirklichkeitskonstruktionen: Chancen und Risiken für ein demokratisches Zusammenleben. Sprachmacht, Gesellschaftsmacht, Glaubensmacht [kommentiert (RK)]", in: Fischer, Hans Rudi (Hg.): Wirklichkeit und Welterzeugung. In memoriam Nelson Goodman. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 391-404.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (11.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

Menschen entwickeln im Laufe ihrer individuellen Geschichte die Möglichkeit, ihre Lebenswelt differenzierend wahrzunehmen und zu konstruieren, hält Helm Stierlin zu Beginn seines Artikels fest. Er geht aus der Sicht der systemischen Therapie der Frage nach, was Menschen trotz Pluralisierungstendenz dazu bringt, allgemein verbindliche Wirklichkeitskonstruktionen anzunehmen. In weiterer Folge diskutiert er seine Erkenntnisse in bezug auf die konkrete Praxis der systemischen Familien- und Paartherapie.
Stierlin erwähnt drei Faktoren, die eine kollektive Wirklichkeitskonstruktion bewirken können, nämlich Sprache, Gesellschaftssysteme und Glaubenssysteme. Individuen als Angehörige einer Kommunikationsgemeinschaft sprechen eine gemeinsame Sprache. Die dabei benutzte Grammatik, so Stierlin, wirkt Pluralisierungstendenzen entgegen, da durch die Sprache gemeinsam geteilte Grundannahmen und Leitunterscheidungen internalisiert würden.

Ebenso stellen Gesellschaft, Kultur und Religion kaum voneinander trennbare und sich synergetisch verstärkende Kräfte dar, die mit Hilfe bestimmter Institutionen vorgebahnte Erklärungen, Beschreibungen oder Bewertungen etablieren und in dieser Hinsicht Pluralisierungstendenzen reduzieren und zudem Generationen übergreifend wirken. Die Sicherheit, die kollektiv geteilte Wirklichkeitskonstruktionen bieten, entspreche zwar dem menschlichen Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, hätte aber, so Stierlin, ihren Preis: Die Vielfalt der Ausdrucks- und Lebensgestaltungsmöglichkeiten wird stark reduziert, im schlimmsten Fall verboten bzw. sanktioniert. Demgegenüber schildert er "Alternativmilieus" urbaner Regionen, in denen solche Kräfte brüchig werden, sodass ein Experimentieren mit alternativen Lebens- und Beziehungsstilen möglich wird - so bilden sich alternative Wirklichkeitskonstruktionen heraus, oder, wie Stierlin es nennt, "Speerspitzen von gesamtgesellschaftlichen Trends" (397), die rasch auf andere Regionen übergreifen können. Diese (post-)modernen Formen der Pluralisierung oder Individualisierung von Beziehungsformen spielen auch in der systemischen Familien- und Paartherapie eine Rolle, denn die freie Wahl von Lebensformen geht einher mit sozialen Phänomenen wie "Lebensphasenpartnerschaften", der Zunahme von Scheidungen und Singlehaushalten. Die Aufgabe der systemischen Therapie sieht Stierlin darin, die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen in Paar- oder Familienbeziehungen so zu vermitteln, dass - bei aller Toleranz gegenüber dem Anderssein des/der Anderen - grundlegende soziale Bedürfnisse wie gemeinsames, koordiniertes, Ziel gerichtetes Handeln möglich wird.

Der systemisch-therapeutische Ansatz, so Stierlin, ist darauf ausgelegt, durch Mediation und konstruktives Konfliktmanagement die Handlungsoptionen von PartnerInnen und Familienmitgliedern zu vermehren. Dieser Ansatz trage auf diese Weise dazu bei, einen Pluralismus von Wirklichkeitskonstruktionen zu fördern. Stierlin betont, dass demokratische Regierungen die geeigneten Rahmenbedingungen bieten, innerhalb derer Sprache, Gesellschaft und Glaubenssysteme als 'komplexitätsreduzierende' Kräfte so zusammenspielen, dass gleichzeitig eine Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen ermöglicht und entwickelt werden kann. Er merkt jedoch auch an, dass ab einem bestimmten Pegel erhöhter existenzieller Verunsicherung die "Chancen für ein demokratisches Zusammenleben sich in einem nationalen bzw. ethnischen Vereinigungs- wie auch Abgrenzungstaumel verflüchtigen" (404). Führergestalten des letzten Jahrhunderts verstanden es, so Stierlin, Sprachmacht, Gesellschaftsmacht und Glaubensmacht so zu bündeln und den Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft derart zu kanalisieren, dass alle Pluralität ausgelöscht wurde.







Siehe auch: Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); System, soziales (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Handlung (ST/RK); Sprache (ST/RK); Macht (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Agamben, Giorgio (2002): Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben.
•  Fischer, Hans Rudi (1999): Individuum und System. Für Helm Stierlin.
•  Rusch, Gebhard / Schmidt, Siegfried J. (Hg.) (2000): DELFIN 1998/99. Konstruktivismus in Psychiatrie und Psychologie..
•  Simon, Fritz B. (1997): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktion in der systemischen Therapie.
•  Stierlin, Helmut (2001): "Die Freiheit, das Neue zu wagen. Helm Stierlin über Schuld und Verantwortung im systemischen und konstruktivistischen Denken Die Dialektik der Beziehungen und das Ethos des Therapeuten"






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