Logo

profil______

texte______

glossar______

bibliografie______

service______
   literatursuche
literaturliste
rezensionsforum

Volleintrag


Varela, Francisco J. (2001): "'Wahr ist, was funktioniert.' Francisco J. Varela über Kognitionswissenschaft und Buddhismus, die untrennbare Verbindung von Subjekt und Objekt und die Übertreibungen des Konstruktivismus [kommentiert (RK)]", in: Pörksen, Bernhard (Hg.): Abschied vom Absoluten. Gespräche zum Konstruktivismus. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag, 112-138.



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email: natascha.gruber@univie.ac.at

In diesem Interview führt Francisco Varela seine antidualistische Fassung des konstruktivistischen Kognitionsmodells aus und grenzt sich von dessen überzogenen subjektivistischen Interpretationen ab. Er betont, dass Subjekt und Objekt einander bedingen und aufeinander verwiesen sind. Varela versteht Kognition als das "Hervorbringen einer Welt", als "verkörpertes Handeln", in dem sich im Laufe der Zeit stabile Eindrücke und Muster, Invarianten, herausbilden. Für ihn entsteht Bedeutung nicht aus der Korrespondenz zwischen einem Objekt und seinem Symbol, sondern aus der "Ko-Konstruktion" von Subjekt und Objekt. Damit richtet er sich gegen jene Positionen, die sich argumentativ nur auf eine der beiden Seiten stützen. Er sieht sich deshalb weder als Radikalen Konstruktivisten noch als (naiven) Realisten, sondern er versucht eine Vermittlung beider Ansätze. Weder Subjekt noch Objekt stehen am Anfang, beide existieren in wechselseitiger Abhängigkeit und Bestimmung. Die Wahrnehmungen von Lebewesen sind viabel, sie haben sich aus dem Wechselspiel von Stammesgeschichte und Ontogenese entwickelt und garantieren eine fortdauernde Beziehung mit ihrer Lebenswelt, andernfalls würden sie sterben. In einem pragmatischen Sinn, so Varela, sei nur das falsch, was einen umbringe. "Alles, was funktioniert, ist wahr". Aus dieser Interpretation der Evolutionstheorie ergibt sich für ihn der Anspruch von Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Auffassungen, da sie alle gleichermaßen wahr und tauglich sind. Das Verkünden und Behüten vermeintlich absolut gültiger Wahrheiten sei eine patriarchale Haltung. Demgegenüber plädiert Varela für die Interpretation von Realität als "weicher Raum", dessen fundamentale Qualität im Eröffnen von Möglichkeiten liege.

In seinem Forschungsprogramm verbindet Varela antirepräsentationalistische Strömungen der amerikanischen Kognitionswissenschaft mit der europäischen Phänomenologie und Ansätzen aus dem Buddhismus. Er richtet sich mit dieser Vermittlung gegen die Trennung von Körper und Geist in der klassischen Erkenntnistheorie. Der Buddhismus stellt für ihn eine östliche Phänomenologie dar, die mit ihren praktischen Techniken der Selbstbeobachtung das Fehlen einer konkreten Methode in der husserlschen Phänomenologie kompensiert. Wie die Kognitionswissenschaften leugnet auch der Buddhismus das Vorhandensein eines lokalisierbaren, ontologischen Ichs als Grundlage des Denkens und Handelns. Varela zitiert neuere Forschungsergebnisse, die das Bewusstsein als intersubjektives Muster begreifen, das als höhere Einheit aus lokal interagierenden Komponenten emergiert. Mit der ethischen Interpretation dieser Emergenztheorie des Ich begibt sich Varela in dem Gespräch auf schwieriges Terrain. Etwas diffus, wenn auch visionär, ist seine Vorstellung einer Ethik der "Ichlosigkeit", in deren Zentrum nicht das Ich sondern Intersubjektivität steht, und die zu einem von Mitgefühl und Sorge um den anderen Menschen getragenen Handeln führt. Denn der Buddhismus lehre, so Varela, dass das spontane Mitgefühl etwas ist, das in allen Menschen präsent ist. Abschließend diskutiert Pörksen mit seinem Interviewpartner die Frage "Wer ist Fransciso Varela?" und die Antwort seines Interviewpartners lautet: kein postmoderner Denker, sondern eine "vollkommen fröhliche Brücke".







Siehe auch: Bewusstsein (ST/RK); Kognition (ST/RK); Handlung (ST/RK); Subjekt (ST/RK); Viabilität (RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Enactment (RK)

Literaturhinweise
•  Dennett, Daniel C. (1993): "Review of F. Varela, E. Thompson and E. Rosch, The Embodied Mind"
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Varela, Francisco (1996): "Neurophenomenology: A Methodological Remedy for the Hard Problem"
•  Varela, Francisco J. (1990): Kognitionswissenschaft Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven.
•  Varela, Francisco J. (1994): Ethisches Können.
•  Varela, Francisco J. / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor (1991): The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience.

Externe Links
•  Homepage Francisco Varela (1946 - 2001)





home __ profil __ texte __ glossar __ bibliografie __ service

© 2003 produktive differenzen | impressum und kontakt | website: datadive