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Weinbach, Christine (2000): Die Geschlechterdifferenz aus der Perspektive der Systemtheorie nach Niklas Luhmann [kommentiert (ST)]. Ms. Bielefeld: Universität Bielefeld.



Kommentiert von Lutz Ohlendieck, Kiel, 30.9.2002
E-Mail: ohlendieck@gender.uni-kiel.de

Christine Weinbach setzt in ihrer Arbeit an der "ungeheuren Rezeptionslücke" der Systemtheorie in der Frauenforschung an. Sie meint, dass die Systemtheorie Luhmanns, wenn man seine Polemiken einmal ignoriert, doch einiges für die Frauenforschung zu bieten hat. Abgesehen von einigen kritischen Texten, welche die Ergiebigkeit der Systemtheorie bezweifeln, verweisen bislang nur die Arbeiten von Ursula Pasero (1994; 1995; 1999) auf die Fruchtbarkeit der Systemtheorie für die Geschlechterforschung, ohne allerdings systematisch ausgearbeitet zu sein. Bei der vorliegenden systematischen Ausarbeitung geht es Weinbach um die Frage, "inwiefern die Geschlechterdifferenz gleichwohl einen Unterschied macht, obwohl sie keinen Unterschied mehr macht." Denn im Kontext der luhmannschen Systemtheorie ist Geschlecht ein für die primäre Gesellschaftsstruktur irrelevanter Unterschied.

Folgt man dieser Auffassung, dann ist "Geschlecht für die Gesellschaft hinsichtlich ihres Differenzierungsprinzips keine Strukturkategorie" und die Systemreferenz der Geschlechterdifferenz ist nicht die funktional-differenzierte Gesellschaft selber. Daher setzt Weinbach mit der Unterscheidung von Bewusstseins- und Kommunikationssystem an, und sie fragt danach, "welchen Unterschied die Geschlechterdifferenz für die Struktur der beiden Systeme macht." Dazu verlagert sie ihre Perspektive der Beobachtung der Geschlechterdifferenz auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, um zu beobachten, "ob und wie sich das Bewusstseinssystem selbst an Mann oder Frau beobachtet, und wie die Kommunikation ihre Mitteilung versteht, wenn sie diese einer männlichen oder weiblichen Person zurechnet." Dabei dient die Unterscheidung Männlichkeit/Weiblichkeit dem beobachtenden System als Semantik, "welche diese paradoxe Beobachtungsform zu spezifisch asymmetrisierten Sinneinheiten zusam-menzieht [...] und als Struktur des Systems der Autopoiesis ihre Führung [gibt]."

"Die Vorteile einer systemtheoretisch geleiteten Geschlechtertheorie liegen [für Weinbach] in der Annahme, dass Bewusstsein und Kommunikation zwei radikal voneinander getrennte autonome Systeme sind, die durch spezifische Sinnformen miteinander strukturell gekoppelt werden." Eine solche strukturelle "Kopplungs-Semantik" in Form von Geschlechter-Stereotypen entlastet das Prozessieren der Selbstreferenz/Fremdreferenz der Systeme, hat aber im "Rekurs auf andere Stereotype Folgen für die Struktur von Bewusstsein und Kommunikation. Hier sieht Weinbach auch Anknüpfungsmöglichkeiten für empirische Forschung, "wenn man sich am Selbstverständnis der Kommunikation orientiert."

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Bewusstsein (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Kognition (ST/RK); Kommunikation (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Sinn (ST); Subjekt (ST/RK); System, psychisches (ST); System, soziales (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Connell, Robert W. (1999): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit. Aus dem Englischen von Christian Stahl.
•  Fuchs, Peter (1999): Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme [kommentiert (ST)].
•  Hagemann-White, Carol (1993): "Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen? Methodische Konsequenzen aus einer theoretischen Einsicht [kommentiert (ST)]"
•  Kieserling, André (1995): "Konstruktion als interdisziplinärer Begriff. Zum Theorieprogramm der Geschlechterforschung [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität [kommentiert (ST)].
•  Luhmann, Niklas (1988): "Frauen, Männer und George Spencer Brown [kommentiert (ST)]"
•  Luhmann, Niklas (1990): "Sozialsystem Familie [kommentiert (ST)]"






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