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Butler, Judith (1993): "Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage der Postmoderne [kommentiert (D)]", in: Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy: Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. übers. von Katharina Menke. Frankfurt a. M.: Fischer [engl., leicht modifiziert in: Benhabib, Seyla et al.: Feminist Contentions: A Philosophical Exchange. London/New York: Routledge 1994, 127-144]



Kommentiert von Gerald Posselt, Wien (Stand: 6.10.03)

In diesem wichtigen und lesenswerten Aufsatz setzt sich Butler u.a. mit der Kritik an Gender Trouble auseinander und formuliert im Kern einige der Thesen zu den Begriffen des Handlungsvermögens (agency) als Resignifikation und der Performativität als Iterabilität, die sie später in Bodies that Matter und Excitable Speech weiterentwickeln wird. Zugleich versucht Butler, den Feminismus als ein politisches Projekt neu zu denken.

Butlers Angriffspunkt bildet die Annahme (wie sie u.a. von Nancy Fraser und Seyla Benhabib vertreten wird), dass ein emanzipatorisches und politisches Projekt, wie es der Feminismus darstellt, auf ein autonomes Subjekt als Grundlage nicht verzichten kann. Damit richtet sich Butler zugleich gegen einen bestimmten Gebrauch des Labels Postmoderne, der die Gefahr eines drohenden Nihilismus heraufbeschwört, sobald das Subjekt als stabile Grundlage einer Theorie des politischen Handlungsvermögens in Frage gestellt wird. Dagegen klagt Butler ein, dass ihre Weigerung, von vornherein einen bestimmten Begriff des Subjekts vorauszusetzen, keineswegs den Begriff des Subjekts als solchen verabschiedet. Vielmehr erlaubt dieser Schritt überhaupt erst, die Frage nach dem Konstruktionsprozess des Subjekts selbst - als einem Prozess der Subjektivierung (subjectivation) und der Unterwerfung (subjection) - zu stellen. Den Ausgangspunkt für Butlers Überlegungen bildet dabei Foucaults (weniger postmoderne als poststrukturalistische) Auffassung, dass es keine Position jenseits der Macht gibt, die es erlauben würde, eine meta-politische Grundlage zu formulieren; vielmehr durchdringt die Macht gleichermaßen den Begriffsapparat wie die Subjektposition des Kritikers, der/die versucht, über die Macht zu verhandeln.

Das Subjekt ist folglich keine bereits fertige, autonome Einheit in einem äußerlichen Netz kultureller Bedingungen; vielmehr konstituiert es sich in Prozessen der Ausschließung und der Differenzierung, "die das Subjekt von seinem konstitutiven Außen scheiden, einem Gebiet verworfener Andersheit" (44). Doch die Behauptung, dass das Subjekt konstituiert ist, besagt keineswegs, dass es determiniert ist. Vielmehr ist die Konstituiertheit des Subjekts die Vorbedingung für sein Handlungsvermögen, insofern die Rekonfiguration der kulturellen und politischen Verhältnisse gerade durch eine Relation ermöglicht wird, die umgearbeitet und gegen sich selbst gewendet werden kann (44). Es geht Butler gerade darum, nach den Bedingungen der Möglichkeit politischen Handlungsvermögens zu fragen und es nicht als a priori gegeben vorauszusetzen. Das heißt aber auch, dass das Subjekt (das durch die Macht-Diskurs-Matrix konstituiert ist) niemals vollständig bestimmt ist; weder ist es Ursprung noch bloßes Produkt, "sondern die permanente/stets vorhandene Möglichkeit eines bestimmten resignifizierenden Prozesses, der zwar durch andere Machtmechanismen umgeleitet oder abgebrochen werden kann, jedoch stets die der Macht eignende Möglichkeit selbst darstellt, umgearbeitet zu werden." (45)

In Anschluss an Joan Scott argumentiert Butler, dass, insofern "Subjekte durch Ausschließungsverfahren gebildet werden, [...] es politisch notwendig [ist], die Verfahren dieser Konstruktion und Ausschließung nachzuzeichnen." Es handelt sich nach Butler nicht um eine Verabschiedung des (feministischen) Subjekts, sondern vielmehr darum, die Konstruktion des Subjekts als ein politisches Problem zu begreifen und das Subjekt als einen "Schauplatz der Resignifikationen" neu zu deuten. Dies gilt für alle Kollektivbegriffe und Identitätskategorien, wie z.B. "Frauen", die niemals nur deskriptiven, sondern immer auch normativen und ausschließenden Charakter haben. Das Subjekt des Feminismus zu dekonstruieren heißt nicht, "es zu verneinen oder zu verwerfen", sondern es in Frage zu stellen und für Wiederverwendungen und Neueinsätze zu öffnen, "die bislang nicht autorisiert waren." (48) Dies ist aber nur möglich, wenn man die Kategorie "Frauen" von ihrem traditionell fixierten Referenten befreit.

Die Dekonstruktion dieser Begriffe wie auch die der Materie und des Körpers bedeutet also keineswegs, dass man den Gebrauch dieser Begriffe verbannt oder für nutzlos erklärt. Im Gegenteil: Die Dekonstruktion ermöglicht überhaupt erst, den Signifikanten zu mobilisieren und zu entnaturalisieren, d.h. ihn aus seinem traditionellen Kontext herauszunehmen, ihn zu zitieren, zu resignifizieren und zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen zu machen (52, 53, 56).

Siehe auch: Handlungsfähigkeit (D); Identität (D); Performativität (D); Subjekt (D); Iterabilität (D)

Literaturhinweise
•  Benhabib, Seyla / Butler, Judith / Cornell, Drucilla / Fraser, Nancy (1993): Der Streit um die Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1993): "Für ein sorgfältiges Lesen [kommentiert (D)]"
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1997): Excitable Speech. A Politics of the Performative [kommentiert (D)].

Externe Links
•  www.theory.org.uk - Judith Butler





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