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Foerster, Heinz von (1993): "Mit den Augen des anderen [kommentiert (RK)]", in: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Heinz von Foerster. Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke.. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 350-363. [engl.: "Through the Eyes of the Other", in: Steier, Frederick (ed.): Research and Reflexivity. London: Sage Publications 1991. Aus dem Amerikanischen von Wolfram K. Köck, 63-75].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email:natascha.gruber@univie.ac.at

Der Sammelband, in dem dieser Aufsatz eingebettet ist, gibt einen Überblick über die Arbeitsgebiete der Kybernetik 2. Ordnung und bringt mit dem Titel v. Foersters Bemühungen, konstruktivistische Epistemologie mit einer Ethik der Verantwortung zu verbinden, zum Ausdruck. In dem Buchkapitel "Mit den Augen des anderen" führt v. Foerster einige Grundthesen konstruktivistischen Denkens vor Augen. Eine dieser Thesen nimmt die grundsätzliche Entscheidbarkeit oder Unentscheidbarkeit von Fragen in den Blick und wird im von foersterschen Theorem "Wir können nur jene Fragen entscheiden, die prinzipiell unentscheidbar sind" (350) auf eine prägnante Formel gebracht. Seiner Ansicht nach gibt es eine Klasse von Fragen, die von vornherein entschieden sind, da sie analytisch beantwortet werden, indem man bestimmten Formalismen oder Algorithmen folgt, die notwendig und sicher zu einem Ergebnis führen. Entscheidbare Fragen werden also in einem theoretischen Rahmen gestellt, innerhalb dessen sie bereits entschieden sind. Für prinzipiell unentscheidbare Fragen, wie z.B. für die Frage nach Ursprung und Ausdehnung des Universums, stehen solche Algorithmen nicht zu Verfügung. Die Art ihrer Beantwortung steht uns frei, d.h. wir müssen entscheiden, wie wir diese Fragen beantworten wollen. Deshalb, so folgert v. Foerster, obliegen diese Entscheidungen auch unserer Verantwortung. An dieser Stelle knüpft er seine Idee einer "impliziten Ethik" an. Diese spricht keine moralischen Imperative aus, sondern bezieht sich auf die Konsequenzen des eigenen Handelns. Nicht "Du sollst ...!" sondern "Ich soll ...!" leitet diese Ethik der Reflexivität. Die Selbstreferenzialität der Sprache erzeugt Ich-Bewusstsein, sie schließt dialogisch andere mit ein und wird so zum Ursprung des Gewissens.

Im zweiten Teil des Aufsatzes reflektiert v. Foerster anhand seiner Unterscheidung von trivialen und nicht-trivialen Maschinen über Konzepte wie Kausalität und Geschichtlichkeit. Die Funktionsweise einer trivialen Maschine ist durch eine eindeutige Beziehung zwischen Input (Stimulus, Ursache) und Output (Reaktion, Wirkung) definiert und bildet damit ein deterministisches vorhersagbares System. Nicht-triviale Maschinen hingegen sind durch ihre vorausgegangenen Operationen bestimmt, d.h. in der Vergangenheit durchlaufene operationale Zustände ihrer Struktur bestimmen ihre Reaktion auf einen aktuellen Input. Die Kategorie der linearen Kausalität ist in nicht-trivialen Systemen eine unbrauchbare Relation, da diese Systeme rekursiv mit sich selbst operieren und auf diese Weise dynamische Gleichgewichtszustände erzeugen. Der interne Zustand nicht-trivialer Maschinen ist daher analytisch nicht determinierbar, ihr Verhalten unvorhersagbar. Pointiert weist v. Foerster darauf hin, dass mit dieser Unvorhersagbarkeit unterschiedlich umgegangen werden kann, nämlich: "Ignoriere das Problem!", "Trivialisiere die Welt!" oder "Entwickle eine Epistemologie der Nicht-Trivialität!" (360) Sein Unternehmen einer Kybernetik 2. Ordnung weist den Weg in die Realisierung der letztgenannten Option.





Siehe auch: Kontingenz, doppelte (ST); Rekursion (RK); System, soziales (ST/RK); Struktur (ST/RK); Viabilität (RK); Konstruktion (ST/RK); Kognition (ST/RK); Beobachtung (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie.
•  Foerster, Heinz von (1993): KybernEthik.
•  Foerster, Heinz von (1995): "Ethics and second-order cybernetics"
•  Foerster, Heinz von / Glasersfeld, Ernst von / Hejl, Peter M. (Hg.) (2000): Einführung in den Konstruktivismus.
•  Müller, Albert / Müller, Karl H. / Stadler, Friedrich (Hg.) (2001): Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft. Kulturelle Wurzeln und Ergebnisse. Heinz v. Foerster gewidmet.
•  Watzlawick, Paul / Krieg, Peter (Hg.) (1991): Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Eine Festschrift für Heinz von Foerster.

Externe Links
•  Homepage Heinz von Foerster
•  American Society for Cybernetics
•  Heinz von Foerster Bibliografie 1943 bis 1999





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