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Glasersfeld, Ernst von (1985): "Einführung in den radikalen Konstruktivismus [kommentiert (RK)]", in: Watzlawick, Paul (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München: Piper, 16-38. [engl.: "An introduction to radical constructivism", in: Watzlawick, Paul (ed.) (1984): The Invented Reality: How Do We Know What We Believe We Know? New York: Norton, 17-40].



KommentatorIn: Natascha Gruber, Wien (10.9.2003)
Email:natascha.gruber@univie.ac.at

Ernst von Glasersfeld, einer der Gründerväter des Radikalen Konstruktivismus, beginnt diesen umfassenden Artikel mit dem Hinweis, dass das konstruktivistische Denken auf eine nicht unbeträchtliche Ahnenreihe zurückblicken kann: von den Skeptikern der griechischen Antike bis hin zu den neuzeitlichen Philosophen David Hume und Giambattista Vico wurde Zweifel an der Objektivität der Erkenntnis formuliert. Besonders letzterer wies immer wieder auf die konkreten wirklichkeitskonstitutiven Erkenntnisoperationen des Subjekts hin. V. Glasersfeld greift diese Sichtweise auf und reformuliert sie in Thesen wie "die Welt, die wir erleben, ist und muß so sein, weil wir sie so gemacht haben" (29). Ein denkendes Subjekt kann sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren.

Um die Ideen des Radikalen Konstruktivismus stärker herauszuarbeiten, konterkariert v. Glasersfeld diese mit der - für die Mehrzahl der PhilosophInnen längst obsoleten - Position eines "metaphysischen Realisten", der an absolute Wahrheit und objektive Realitätserkenntnis glaubt. Er illustriert die Grundthese der Wirklichkeitskonstruktion im Gegensatz dazu mit der Metapher vom Wissen als Schlüssel, der in ein Tor passt, und erläutert sie mit der Differenz der Begriffe Passen (fit) und Übereinstimmen (match). Passen beschreibt die Eigenschaften des Schlüssels, nicht die des Tores. Solange der Schlüssel das Tor und damit weitere Möglichkeiten öffnet, ist es unerheblich, wie das Tor beschaffen ist. Den Begriff des Passens bzw. der "Viabilität" adaptiert v. Glasersfeld aus der Evolutionstheorie, grenzt sich aber von neodarwinistischen Fehlinterpretationen ab. Er weist darauf hin, dass der Begriff des "survivial of the fittest" irreführend ist und betont, dass alle Lebewesen, die überleben, optimal in ihre Umwelt passen; ansonsten wären sie schlicht nicht da. Diese Sichtweise gilt auch für den Bereich wissenschaftlicher Theoriebildung: sie muss gangbare Lösungen von konkreten Problemen bieten.

Im letzten Abschnitt seiner Einführung stellt v. Glasersfeld die kognitionspsychologischen Grundlagen seiner erkenntnistheoretischen Annahmen vor. Anhand der Thesen des Schweizer Entwicklungspsychologen J. Piaget demonstriert er, dass die Wahrnehmung von Objekten auf der Fähigkeit beruht, Regelmäßigkeiten in einem Erfahrungsbereich zu erkennen. Auch kognitive Operationen müssen im Hinblick auf bestimmte Kriterien passen und folgen dem Muster von "Assimilation" und "Akkomodation". Erfahrungen werden entweder in bekannte Muster eingeordnet oder sie lösen die Entwicklung neuer Muster aus. Begriffsbildungen basieren demnach auf konkreten Unterscheidungsoperationen des Verstandes, die Erfahrungen im Hinblick auf bestimmte Zwecke als gleich oder als verschieden einordnen. Die fundamentalen Ordnungsoperationen des Verstandes, "Wiederholung", "Konstanz" und "Regelmäßigkeit" werden immer relativ zu einem Standpunkt durchgeführt, oder, wie v. Glasersfeld abschließend resümiert: "Was immer wir als Bausteine wählen, seien es Ziegel oder Euklids Elemente, bestimmt Grenzen." (35)




Siehe auch: Kognition (ST/RK); Schema (RK); Viabilität (RK); Wissen (ST/RK); Konstruktion (ST/RK); Beobachtung (ST/RK); Verstehen (ST/RK); Subjekt (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Glanville, Ranulph (2001): "An Observing Science"
•  Glasersfeld, Ernst von (1992): "Aspekte des Konstruktivismus: Vico, Berkeley, Piaget"
•  Glasersfeld, Ernst von (1994): "Piagets konstruktivistisches Modell: Wissen und Lernen"
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Glasersfeld, Ernst von (2000): "Die Schematheorie als Schlüssel zum Paradoxon des Lernens [kommentiert (RK)]"

Externe Links
•  Ernst von Glasersfeld - Homepage
•  Ernst von Glasersfeld - Bibliografie
•  Radical Constructivism
•  Jean Piaget Society





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