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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Repräsentation (D)

Repräsentation (lat. repraesentatio: Darstellung; Stellvertretung) ist ein Vermittlungsvorgang, der durch Verweisen und Stellvertreten funktioniert und ein zentrales Merkmal sprachlich-symbolischer Prozesse ist. Repräsentation beschreibt den Prozess der Sinnkonstituierung über Zeichen, die in Rahmen von Codes bzw. Systemen Bedeutung gewinnen. Das Schlagwort "Krise der Repräsentation" bezieht sich in der Regel auf die Erfahrung des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, dass die menschlichen Repräsentationssysteme - insbesondere die Sprache - nicht mehr in der Lage sind, die 'Wirklichkeit' adäquat darzustellen. In der Folge verliert die Repräsentation sukzessive ihren Status als eine gesicherte und allgemeingültige Erkenntnisform. Ausgehend von Nietzsche verweisen poststrukturalistische Theorien auf die prinzipiell instabile, flottierende und dispensierte Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen Zeichen und Objekt. Gleichzeitig hört das Subjekt auf, Ursprung, Zentrum und Herr seiner Repräsentationen zu sein. Das Vermögen der Sprache, Erfahrungen, Ideen und Intentionen zum Ausdruck zu bringen, ist damit grundlegend in Frage gestellt. Repräsentation ist nicht länger Darstellung, Vorstellung oder Vergegenwärtigung von etwas, das der Darstellung vorgängig wäre, sondern verweist auf die komplexen Prozesse der Realitätskonstruktion.

--> Stereotype Darstellungen und Repräsentationen von Frauen sind insofern zentrales Thema feministischer Ansätze, als sie lange Zeit als direkter Ausdruck sozialer Realität angesehen wurden. Poststrukturalistische Ansätze hingegen bewerten Repräsentation als kulturelle Konstruktionen und nicht als Widerspiegelung der realen Welt. Nach Butler sind weder die soziale noch die biologische Geschlechtsidentität die Widerspiegelung eines 'natürlichen' Zustandes, vielmehr handelt es sich dabei um Imitationen, die das Original, das sie zu imitieren scheinen, allererst performativ im Sinne eines reiterativen Prozesses hervorbringen. Damit gerät das jeder Repräsentation innewohnende performative Moment, das die Identität und die Einheit der beiden am Repräsentationsprozess beteiligten Seiten konstituiert, letztlich in den Mittelpunkt des theoretischen Interesses.

© Gerald Posselt (Stand 6.10.03)

Siehe auch: Zeichen (D); Sprache (D); Performativität (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  de Lauretis, Teresa (1987): Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1976): "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen [kommentiert (D)]".
•  Johnson, Barbara (1992): "Mein Monster – Mein Selbst [kommentiert (D)]".
•  Nietzsche, Friedrich (1988): "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne".

Bibliografie zum Glossareintrag

Repräsentation (RK)

Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus argumentiert antirepräsentationalistisch. Er wendet sich kritisch gegen die Vorstellung der orthodoxen Kognitionswissenschaften bzw. des "Kognitivismus", dass Erkenntnisvorgänge in der Verrechnung symbolisch repräsentierter Merkmale der Außenwelt bestehen.

Theoretiker wie Maturana, Varela, v. Glasersfeld und v. Foerster betonen, dass das Gehirn nicht ein informationsverarbeitender Apparat ist, der selektiv auf Merkmale der Außenwelt reagiert, sondern ein operational geschlossenes System, das gemäß systeminterner Dynamiken Informationen generiert. Repräsentation entspricht damit der systeminternen Korrelierung neuronaler Erregungen.

Varela betont, dass jede Repräsentation etwas in Bezug zu etwas anderem setzt, das seinerseits konstruiert wurde. Die Ablehnung des Repräsentationalismus schließt die Idee des Zuordnens bzw. Abbildens (im mathematischen Sinn) nicht aus. In seiner semantischen Bedeutung verweist Repräsentation auf eine Zuordnung, beispielsweise zwischen einer Landkarte und einer Landschaft. Eine Repräsentationsbeziehung muss jedoch nicht notwendig als Übereinstimmung von Repräsentation und repräsentiertem Gegenstand gedeutet werden. Hirnforschungen weisen etwa darauf hin, dass das Erkennen bedeutungsvoller Einheiten aus der "Zeit-Raum-Dynamik" bzw. der spezifischen "Topologie" (Breidbach) neuronaler Erregungsmuster resultiert.

Von Glasersfeld gibt den wichtigen Hinweis, dass der englische Begriff representation nicht zwischen Darstellung und Vorstellung unterscheidet. Er deutet "Re-Präsentation" aus psychologischer Perspektive als Wiederkennen von Erfahrungen. Während der Begriff der Darstellung eine Isomorphie zwischen Repräsentation und Repräsentiertem bzw. Referenten suggeriert (z.B. eine Reproduktion oder Kopie), verweist der Begriff der Vorstellung auf die aktive Dimension der Vergegenwärtigung vergangener Erfahrung. Im Laufe der kognitiven Entwicklung werden sensumotorische und figurative Schemata mittels operationaler Schemata bzw. Symbole vorgestellt bzw. re-präsentiert.

--> Die feministische Theorie nimmt ihren Ausgangspunkt von einer politischen Interpretation der Repräsentationsproblematik. Sie verweist auf die Tatsache, dass symbolische Verweissysteme mit dem Ausschluss möglicher Sichtweisen einhergehen. Dies wirft die Frage nach der "Situiertheit des Wissens" (Haraway) auf. Die Infragestellung der Objektivität von Repräsentation kann mit der radikal konstruktivistischen Diskussion insofern verknüpft werden, als diese aufzeigt, dass jede Repräsentation Wirklichkeit hervorbringt bzw. perfomiert ("enactment").

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Enactment (RK); Kognition (ST/RK); Selbst-/Fremdreferenz (ST)

Literaturhinweise
•  Breidbach, Olaf (1996): "Konturen einer Neurosemantik".
•  Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme [kommentiert (RK)].
•  Haraway, Donna (1988): "Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Priviledge of Partial Perspective".
•  Harding, Sandra (1986): The Science Question in Feminism.
•  Varela, Francisco J. (1990): Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven.

Bibliografie zum Glossareintrag




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