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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Sprache (D)

Ausgehend von sprachphilosophischen Überlegungen der so genannten Frühromantiker über Hamann, Humboldt, Nietzsche, Mauthner, Frege u.v.a. gerät im 20. Jahrhundert die Sprache zunehmend in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses (linguistic turn) - bis hin zu Wittgensteins Position, dass die philosophischen Probleme selbst sprachlicher Natur sind, und Austins Feststellung, dass Sprache nicht nur die Welt beschreibt, sondern vor allem etwas tut.

Der Poststrukturalismus radikalisiert schließlich Saussures Diktum, dass es in der Sprache nur Verschiedenheiten ohne positive Einzelglieder gibt, und begreift Sprache als ein differentielles System von Zeichen, in dem Bedeutungen in einem Spiel der Differenzen erzeugt und aufgeschoben werden (différance). Sprache wird nicht länger als ein transparentes Medium des Ausdrucks und der Kommunikation von Gedanken gedacht, sondern als eine autonome und unhintergehbare soziale Entität gefasst, die das denkende, sprechende, vergeschlechtlichte und begehrende Subjekt konstituiert. Gleichzeitig wendet sich Derridas Schriftbegriff und sein Gedanke einer radikalen Geschichtlichkeit gegen eine rein formale Auffassung der Sprache als ein Spiel der Signifikanten; vielmehr ist es möglich, die Begriffe der abendländischen Metaphysik auf andere Weise in die Philosophie wieder einzuschreiben.

--> Für den poststrukturalistischen und dekonstruktiven Feminismus stellt sich die Frage, wie dieser Konstitutions- und Konstruktionsprozess genau zu denken ist und wie der epistemologische und ontologische Status der Sprache zu beurteilen ist. Er ist vor allem mit den Vorwürfen des sprachlichen Monismus ("Alles ist Sprache!", "Es gibt nichts außerhalb der Sprache!") und des Determinismus ("Das Subjekt ist in seinem Denken und Handeln durch Sprache bestimmt!") konfrontiert. Ein sprachlicher Determinismus, d.h., die Auffassung, dass das Subjekt vollständig durch die sprachlichen Strukturen, Konventionen und Regeln, die es bewohnt, bestimmt ist, würde aber die Möglichkeit menschlicher Handlungsfähigkeit grundlegend in Frage stellen.

Dagegen argumentiert Butler, dass Handlungsvermögen gerade erst durch den konstruierten Charakter der Subjekte ermöglicht wird. Die Verbindung zwischen Sprechen und Handeln, wie sie sich in performativen Sprechakten ausdrückt, besitzt keinen zwangsläufigen Charakter. Performative Interpellationen, durch die die Individuen in ihre geschlechtliche, klassenspezifische, rassische etc. Subjektposition gezwungen werden, sind nicht immer erfolgreich und verfehlen zuweilen die beabsichtigten Wirkungen. Sie können zurückgewiesen und durch widerständige Sprechakte subvertiert werden.

© Gerald Posselt (Stand 6.10.03)

Siehe auch: Zeichen (D); Struktur (D); Diskurs (D); Kommunikation (D); Repräsentation (D); Différance (D); Schrift (D); Performativität (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  Benveniste, Émile (1974): "Über die Subjektivität in der Sprache [kommentiert (D)]".
•  Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]".
•  Butler, Judith (1993): Bodies that Matter. On the Discursive Limits of "Sex" [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1976): "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen [kommentiert (D)]".
•  Vasterling, Veronica (1999): "Butler's Sophisticated Constructivism: A Critical Assessment [kommentiert (D)]".

Bibliografie zum Glossareintrag

Sprache (ST/RK)

Im Radikalen Konstruktivismus entspricht Sprache einer speziellen Klasse kommunikativer Verhaltensweisen lebender Systeme. Sprache basiert auf der Reflexivität struktureller Kopplungen und stabilisiert diese durch rekursive Wiederholungen. Sprachliche Unterscheidungen beziehen sich nach Maturana und Varela auf sprachliche Unterscheidungen.

Von Glasersfeld definiert Sprache durch die Merkmale der Syntaktizität (Möglichkeit, durch Kombinationen von Zeichen neue Bedeutungen zu generieren), Semantizität (Entwicklung von Bedeutung in einem semantischen Nexus) und Symbolizität. Letztere zielt auf die "Re-präsentation" sprachlicher Zeichen. Sprache koppelt akustische Konzepte ('Signifikanten') mit begrifflichen Strukturen ('Signifikaten') und ermöglicht dadurch die situationsunabhängige Vergegenwärtigung von Erfahrungen.

Da die Kopplung von Signifikat und Signifikant in operational geschlossenen, kognitiven Systemen erfolgt, besteht sprachliche Bedeutung nicht in der Identität der kognitiven Konzepte von KommunikationsteilnehmerInnen. Sprache ist ein Mechanismus der Verhaltenskoordination, der mögliche Bedeutungen selegiert ohne diese zu determinieren. Sprachliche Zeichen beziehen sich auf erfolgreiche sprachliche Verhaltenskoordinationen und damit auf kognitive Differenzen und deren Vergleich.

Luhmann betont die Reflexivität sprachlicher Kommunikationen und weist darauf hin, dass die "binäre Codierung" der Sprache die Negation von Kommunikationen ermöglicht. Als Kommunikationsmedium gewährleistet Sprache die Autopoiesis der Gesellschaft und differenziert sich in symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien aus.

Während Luhmann Sprache als autopoietisches System beschreibt, betonen systemtheoretische Sprachwissenschafter wie Feilke die Wichtigkeit sprachlicher Gestaltungsmöglichkeiten und kommunikativer Kompetenzen. Seiner Ansicht nach stellen sprachliche Formen ein spezifisches Ausdruckswissen dar, das die Typisierung von Erfahrungen durch "Kontextualisierungsverfahren" gewährleistet. Als habitualisierte Handlungsformen ermöglichen sprachliche Zeichen die Selektion kognitiver wie sozialer Bedeutungen.

--> Kulturelle Geschlechtsidentitäten entstehen wesentlich auf der Ebene reflexiver Prozesse und sind damit an die Sprachentwicklung gekoppelt. Die systemtheoretische Soziologie hat keine spezifischen Beiträge zum Verhältnis von Sprache und Geschlecht formuliert. Systemtheoretische Ansätze wie die von Feilke markieren jedoch, dass Kommunikation von den Ausdrucksmöglichen bzw. sprachlichen Selektionen sozialer AkteurInnen abhängt und verweisen damit auf den Oberflächencharakter bzw. die Bedeutsamkeit des Signifikanten.

Die Beobachtung, dass die Art und Weise des Ausdrucks spezifische Handlungsformen verwirklicht, ist einerseits an den tropentheoretischen Fokus der Dekonstruktion anschließbar und weist andererseits das Sprechen des Geschlechts als spezifische Common sense-Kompetenz aus. Im Gegensatz zur Dekonstruktion basieren radikalkonstruktivistische Konzepte des Spracherwerbs nicht auf der Annahme einer Implementierung der psychischen Geschlechterdifferenz durch die Sprache, sondern gehen von einem Kontinuum der Verhaltenskoordinationen aus, das von der nonverbalen Interaktion über das Signal hin zum Symbol reicht. Die Fähigkeit zu Sprechen hängt von Interaktionsgeschichten ab und dürfte je nach gesellschaftlicher Organisation, aber auch je nach individueller Erfahrung erheblich variieren.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Kommunikation (ST/RK); Mediensystem (RK)

Literaturhinweise
•  Feilke, Helmuth (1994): Common-sense Kompetenz: Überlegungen zu einer Theorie "sympathischen" und "natürlichen" Meinens und Verstehens.
•  Glasersfeld, Ernst von (1987): Wissen, Sprache und Wirklichkeit: Arbeiten zum radikalen Konstruktivismus.
•  Krüll, Marianne (1990): "Das rekursive Denken im radikalen Konstruktivismus und im Feminismus [kommentiert (RK)]".
•  Landweer, Hilge (1994): "Generativität und Geschlecht. Ein blinder Fleck in der sex/gender-Debatte".
•  Schmidt, Siegfried J. (1992): "Über die Rolle von Selbstorganisation beim Sprachverstehen".

Bibliografie zum Glossareintrag




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