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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus



Funktion (ST/RK)

Der Funktionsbegriff umfasst drei interpretative Dimensionen: die mathematische Funktion defininiert ein-eindeutige Zuordnungsbeziehung (Abbildung) zwischen Mengen von Elementen und Werten. So stellt die Zuordnung von Inputs und Outputs die Zuordnung von strukturellen Zuständen zu Verhaltensweisen dar; die logische Semantik nach Frege ordnet nach diesem Schema einer Menge von logischen Gegenständen (Extension) Wahrheitswerte zu.

Die teleologische Interpretation des Funktionsbegriffs weist die Zuordnung von Struktur und Verhalten als ziel- bzw. zweckgerichtet aus. Jede teleologische Verwendung des Funktionsbegriffs wirft die Frage nach der Festlegung des jeweiligen Zweckes bzw. Sollwertes auf. Der Strukturfunktionalismus in den Sozialwissen-schaften geht davon aus, dass soziale Strukturen gesellschaftlich notwendige Funk-tionen/Bedürfnisse verwirklichen und unveränderbar und zeitlos sind.

Funktionalistisches Denken dieser Art wird von konstruktivistischen Systemtheoretikern wie Maturana explizit abgelehnt. Ebenso grenzt sich Luhmann von der struktur-funktionalen Systemtheorie seines Lehrers Talcott Parsons ab. Er führt als Alternative die funktional-strukturelle Analyse ein, derzufolge Systeme kontingente Lösungen für verschiedene Probleme der Komplexitätsreduktion sind. Spezifische Funktionen werden in der Beobachtung festgelegt und fungieren als Vergleichsmaßstab. Dasselbe Problem kann durch beliebig viele funktionale Äquivalente gelöst werden, eine Lösungsvariante schließt andere nicht notwendig aus. Der Bezugspunkt der Systemanalyse bleibt die Erhaltung bzw. die Existenz des Systems, die im Rahmen der Theorie autopoietischer Systeme als Fortsetzung der autopoietischen Organisation definiert und von Luhmann als Kriterium der Anschlussfähigkeit von Operationen expliziert wird. Da soziale Strukturen lernfähig sind, sind gesellschaftliche Verhältnisse wandelbar.

--> Die funktionale Beobachtungsperspektive wirft die Frage auf, inwiefern die Geschlechterdifferenz funktional für die gesellschaftliche Organisation ist bzw. welche Komplexitätsreduktion die Geschlechterdifferenz leistet. Archaische Gesellschaften organisieren entlang archaischer Duale wie Geschlecht, Generation und Sippenzugehörigkeit erfolgreich ihre soziale Ordnung. In funktional differenzierten Gesell-schaften wird die Geschlechterdifferenz mit dem Aufbrechen des Funktionsgefüges Familie zusehends dysfunktional. Sie entspricht weder der Organisation gesellschaftlicher Kommunikationen in spezialisierten Subsystemen, noch kann sie die Kontingenz der Selbstbeobachtung von individualisierten AkteurInnen fassen. Eine funktionale Analyse verdeutlicht zudem, das Probleme der gesellschaftlichen Reproduktion, die mit der Geschlechterdifferenz verknüpft sind, durch äquivalente Lösungen wie Reproduktionstechnologien verwirklicht werden können.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Differenzierung, funktionale (ST); Struktur (D); Viabilität (RK)

Literaturhinweise
•  Heintz, Bettina (2001): "Geschlecht als (Un-)Ordnungsprinzip. Entwicklungen und Perspektiven der Geschlechtersoziologie [kommentiert (ST)]".
•  Luhmann, Niklas (1962): "Funktion und Kausalität".
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Moser, Sibylle (2001): Komplexe Konstruktionen. Systemtheorie, Konstruktivismus und empirische Literaturwissenschaft.
•  Schlosser, Gerhard (1993): Einheit der Welt und Einheitswissenschaft. Grundlegung einer allgemeinen Systemtheorie.
•  Tyrell, Hartmann (1986): "Geschlechtliche Differenzierung und Geschlechterklassifikation [kommentiert (ST)]".

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