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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus



Wissen (ST/RK)

Konstruktivistische Kognitionsmodelle koppeln Wissen eng an die Möglichkeit effektiven Handelns und stellen damit die Gleichsetzung von Wissen mit Wirklichkeitsrepräsentation in Frage. Schmidt betont, dass Wissen eine Fähigkeit und kein gespeicherter Bestand von Informationen ist. Wissen ist gekoppelt an Unterscheidungen und Benennungen, die als Erfahrungsprozesse verwirklicht werden. Luhmann definiert Wissen entsprechend als "kondensierte Beobachtung".

Schmidt charakterisiert empirisches Wissen als Herstellung "logischer, pragmatischer und sozialer Stabilitäten" und weist mit dieser Bestimmung auf die rekursive Selbstorganisation von Beobachtungsprozessen hin. Wissenschaft besteht in der Oszillation zwischen Beobachtung 1. Ordnung (Herstellung von Daten bzw. Fakten) und Beobachtung 2. Ordnung (Reflexion). Die Intersubjektivität von Wissen erscheint im Kontext des systemtheoretischen Kommunikationsmodells nicht als Konsens, sondern als erfolgreiche Kopplung sozialer und kognitiver Bereiche. Die medienepistemologische Reflexion des Radikalen Konstruktivismus verdeutlicht, dass Prozesse der Wissensproduktion konstitutiv von Medien und Technologien abhängen.

In funktional differenzierten Gesellschaften entwickelt sich das Wissenschaftssystem als spezialisiertes Funktionssystem. Luhmann geht davon aus, dass wissenschaftliche Kommunikationen dem Code wahr/falsch folgen, dessen Anwendung durch Theorien und Methoden als Unterscheidungsprogramme geregelt ist. Krohn und Krüppers weisen demgegenüber auf die genuin praktische Ebene wissenschaftlichen Handelns hin.

--> Prozesse der Wahrnehmung und Kommunikation von Geschlecht stellen komplexe Wissensprozesse dar und basieren auf der geschlechtsspezifischen Interpretation von Informationen in kognitiven und sozialen Systemen. Die feministische Beobachtung weist Wissenschaft ebenso wie die konstruktivistische Reflexion als soziales System aus. Sie weist darauf hin, dass sich die Semantik der Geschlechter auch als Geschlechterideologie des Wissens formiert.

So sehen sich Frauen mit einem jahrhundertelangen Diskurs über ihre Vernunftunfähigkeit konfrontiert und waren bis ins 20. Jahrhundert hin aus dem faktischen Prozess der Wissensproduktion ausgeschlossen. Da Wissensprozesse innerhalb und außerhalb des Wissenschaftssystems stattfinden, ist für die Geschlechterforschung entscheidend, einerseits Prozesse der Geschlechtskonstitution zu beobachten, andererseits ihre eigenen Unterscheidungen zu reflektieren.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Kognition (ST/RK); Repräsentation (RK); Viabilität (RK)

Literaturhinweise
•  Haraway, Donna (1988): "Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Priviledge of Partial Perspective".
•  Krohn, Wolfgang / Küppers, Günter (1989): Die Selbstorganisation der Wissenschaft.
•  Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft [kommentiert (ST)].
•  Moser, Sibylle (2001): "Vernetzte Beobachtungen, gesetzte Differenzen. Wissenschaftstheorie im Schnittpunkt von Feminismus und Konstruktivismus [kommentiert (RK)]".
•  Schmidt, Siegfried J. (1998): Die Zähmung des Blicks. Konstruktivismus-Empirie-Wissenschaft [kommentiert (RK)].

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