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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Essentialismuskritik (D)

Essentialismus beschreibt die Annahme, dass Gegenstände - unabhängig von Kontext und Interpretation - eine ihnen zu Grunde liegende, alle Veränderungen überdauernde Essenz aufweisen, die ihre "wahre Natur" bestimmt und sie notwendig zu dem macht, was sie sind. Gegen essentialistische Positionen wenden sich sowohl dekonstruktive als auch konstruktivistische Ansätze, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven und Motiven.

--> Poststrukturalistische feministische Theoriebildung versteht sich nicht zuletzt als Kritik der androzentrischen Metaphysik und lehnt essentialistische Bestimmungen von Männlichkeit und Weiblichkeit ab. Besonders virulent wird die Essentialismusdebatte im Zusammenhang mit der Frage nach dem ontologischen Status des biologischen Geschlechts (sex) im Unterschied zum sozial konstruierten Geschlecht (gender). Butler argumentiert, dass nicht nur das sozial erworbene, sondern auch das so genannten biologische Geschlecht Effekt diskursiver Praktiken ist und erst als solches intelligibel wird. Um dem Vorwurf eines Relativismus und sprachlichen Monismus zu entkommen und um die politische Handlungsfähigkeit von Frauen in konkreten Situationen zu gewährleisten, vertreten poststrukturalistisch orientierte GendertheoretikerInnen - insbesondere in postkolonialen Kontexten - oftmals auch einen so genannten strategischen Essentialismus (Spivak). Strittig ist darüber hinaus, ob der französische Feminismus (Cixous' écriture féminine, Irigarays parler femme) essentialistische Tendenzen aufweist oder diese vielmehr transzendiert (vgl. z.B. Schor).

© Anna Babka & Gerald Posselt (Stand: 6.10.03)

Siehe auch: Konstruktion (D); Subversion (D); Dekonstruktion (D); Identität (D); Subjekt (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith / Cornell, Drucilla (1998): "The Future of Sexual Difference: An Interview with Judith Butler and Drucilla Cornell [kommentiert (D)]".
•  de Lauretis, Teresa (1987): Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction [kommentiert (D)].
•  de Lauretis, Teresa (1993): "Der Feminismus und seine Differenzen".
•  Schor, Naomi (1992): "Dieser Essentialismus, der Keiner ist Irigaray begreifen".
•  Spivak, Gayatri Chakravorty (1993): "In a Word: Interview".

Bibliografie zum Glossareintrag

De-Ontologisierung (ST/RK)

Als Lehre vom Sein bzw. dem Wesen der Dinge erweist sich die traditionelle Ontologie für den Radikalen Konstruktivismus und die soziologische Systemtheorie als obsolet. Dennoch verdeutlichen radikalkonstruktivistische ebenso wie systemtheoretische Modelle, dass Beobachtungen immer mit einem Akt der 'Existenzialisierung" einhergehen. So impliziert die Unterscheidung eines Gegenstandes dessen Markierung als 'etwas'. Maturana spricht entsprechend von einer "Ontologie des Beobachtens". Da kognitive Systeme mittels ihrer operationalen Geschlossenheit Wirklichkeiten schaffen, kann in modizierter Form von einer systeminternen Ontologie gesprochen werden.

Luhmanns Systemtheorie verweist auf die historische Semantik des Seinsbegriffs und verfolgt im Rahmen der soziologischen Aufklärung konsequent ein Programm der De-Ontologisierung. Sein zentraler Begriff, Sinn, bedarf weder eines transzendentalen Bewusstseins noch der Materie als Trägersubstanz. Die Systemtheorie interessiert nicht mehr die Frage, was ein Gegenstand ist, sondern wie er entsteht bzw. wahrgenommen und kommuniziert wird. Die Beobachtung von Konstitutionsprozessen will somit die Festlegung fixer Strukturen überwinden.

--> Die De-Ontologisierung im Radikalen Konstruktivismus und in der Systemtheorie birgt ein beträchtliches Entlastungspotenzial für die Semantik der Geschlechter, deren Hauptmerkmal bereits in der Antike, spätestens aber seit der Aufklärung, ihr ontologischer Impetus ist. So ging es Denkern wie Kant, Hegel und später Weininger darum, Geschlechtscharaktere zu definieren und damit festzulegen, was die Geschlechter ihrem Wesen nach sind. Diese Frage dient aus der Perspektive der Beobachtung erster Ordnung der strukturellen Stabilisierung beobachteter Geschlechtsdifferenzen und ist vom Standpunkt einer Beobachtung zweiter Ordnung aus nicht beantwortbar.

© Sibylle Moser (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Konstruktion (ST/RK); Ereignis (ST)

Literaturhinweise
•  Hassauer, Friederike (1994): Homo. Academica. Geschlechterkontrakte, Institution und die Verteilung des Wissens.
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Marius, Benjamin / Jahraus, Oliver (1997): Systemtheorie und Dekonstruktion. Die Supertheorien Niklas Luhmanns und Jacques Derridas im Vergleich.
•  Maturana, Humberto R. (1988): "Elemente einer Ontologie des Beobachtens".
•  Pasero, Ursula (1994): "Geschlechterforschung revisited: konstruktivistische und systemtheoretische Perspektiven [kommentiert (ST)]".

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