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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Genealogie (D)

Der Terminus Genealogie bezeichnet im strengen Sinne die Wissenschaft von Ursprung, Folge und Verwandtschaft der Geschlechter. Ausgehend von Nietzsche etabliert Foucault in den 70er Jahren die Genealogie als eine historisch-philosophische Analysemethode im Zusammenhang mit seiner Arbeit zur Geschichte des Gefängnis- und Bestrafungssystems und seinem Projekt zur Geschichte der Sexualität. Genealogie ist weder auf einen Zweck noch auf einen Ursprung gerichtet; vielmehr zielt sie - gemäß dem Bild des sich immer weiter verzweigenden Stammbaums - auf eine Zerstreuung der Ursprünge.

In seiner Schrift Zur Genealogie der Moral bestimmt Nietzsche den Begriff der Genealogie als eine historische Methodik, deren Ziel es ist, die falschen Universalbegriffe des abendländischen Denkens zu entlarven, indem sie in ihrer historisch-kontingenten Gewordenheit aufgezeigt werden. Die wesentlichen Attribute des humanistischen Subjekts, wie Bewusstsein, Gewissen, Nächstenliebe, Willensfreiheit etc. sind nicht a priori gegeben, sondern das Produkt gewaltsamer Techniken, Prozeduren und Mechanismen der Bestrafung und der Unterwerfung, die unmittelbar an den Körpern ansetzen, sich in diese einschreiben und schließlich internalisiert werden. Folglich ist die Position, die der Genealoge einnimmt, nicht die des außenstehenden Beobachters, sondern sie zeichnet sich durch die Anerkennung der eigenen Unhintergehbarkeit aus. Die kritische Genelogie ist selbst das Produkt jener Strukturen von Macht und Wissen, die sie zu beschreiben und zu analysieren versucht.

Foucault übernimmt Nietzsches Haltung in Überwachen und Strafen (1975) und in Sexualität und Wahrheit I (1976). Während Foucault in seinen früheren archäologischen Arbeiten aus der Position des Beobachters versucht, die 'unbewussten' Codes bzw. die Episteme aufzudecken, die in einer bestimmten historischen Epoche als Bedingung der Möglichkeit von Wissen fungieren, fragt er in seinem Spätwerk nach der intrinsischen Verbindung zwischen der Produktion von Macht und Wissen sowie nach der Herkunft und der Konstitution des modernen Subjekts. In diesem Sinne schreibt die Genealogie nicht die Geschichte der Vergangenheit, sondern versucht, die 'Geburt' und die Transformation gegenwärtiger diskursiver Formationen, Institutionen und Praktiken (das Gefängnissystem, die Sexualwissenschaften etc.) zu beschreiben.

--> Butler rekurriert im Anschluss an Nietzsche und Foucault auf die Genealogie als kritische Untersuchungsmethode, um die fundamentalen Kategorien sex, gender und Begehren sowie die Materialität der Körper als Effekte spezifischer Macht- und Wissensformationen aufzudecken. Ihr Ziel ist es, die scheinbaren Ursachen als naturalisierte Effekte einer diskursiven Praxis auszuweisen und die binären Oppositionen als veränderbare Konstruktionen zu entlarven. Im Unterschied zu Foucault zielt Butlers "kritische Genealogie" jedoch nicht auf die historische Analyse spezifischer diskursiver Formationen, vielmehr hinterfragt sie verschiedene Theorien (Psychoanalyse, Foucaults Diskursanalyse, Feminismus etc.) im Hinblick auf ihre impliziten Annahmen und Identitätskategorien, die als gegeben vorausgesetzt werden. Dabei hat Butler vor allem den Phallogozentrismus und die heterosexuelle Matrix sowie den Körper als eine der Kultur vorgängige, auf die Bezeichnung wartende Figur im Visier.

© Gerald Posselt (Stand 6.10.03)

Siehe auch: Macht (D); Identität (D); Identität (D); Materialität (D); Diskurs (D); Körper (D)

Literaturhinweise
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit I: Der Wille zum Wissen [kommentiert (D)].
•  Foucault, Michel (1987): "Nietzsche, die Genealogie, die Historie".
•  Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses [kommentiert (D)].
•  Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift [kommentiert (D)].

Bibliografie zum Glossareintrag

Evolution (ST/RK)

Evolutionäre Prozesse beschreiben die phylogenetische bzw. stammesgeschichtliche Entwicklung von Strukturen und basieren auf den Mechanismen von Variation, Selektion und Stabilisierung. Während realistische Vertreter des Neodarwinismus davon ausgehen, dass sich Systeme an ihre Umwelten anpassen und Systemstrukturen deshalb als Umwelt-Repräsentation interpretieren, fokussieren Biologen wie Maturana und Varela die strukturelle Eigendynamik von Organismen. Lebende Systeme werden nicht von der Umwelt determiniert, sondern interpretieren Impulse ("Perturbationen") der Umwelt gemäß ihrer strukturellen Ausstattung. Systemveränderungen lösen Umweltveränderungen aus und umgekehrt, Lebewesen und Umwelt stehen in einer Beziehung struktureller Kopplung und verwirklichen gemeinsam ein "strukturelles Driften".

Entsprechend zielt der Begriff der natürlichen Auslese im Konstruktivismus nicht auf instruktive Eigenschaften der Umwelt, sondern auf die Reproduktion der Selbstselektionen autopoietischer Systeme ab. Solange ein Lebewesen seine autopoietische Organisation erhält, bleibt es am Leben und kann sich in unterschiedlichen Strukturen verwirklichen. V. Glasersfeld verdeutlicht die konstruktivistische Ablehnung des neodarwinistischen Prinzips des survival of the fittest mit der Unterscheidung der Begriffe match versus fit. Während match suggeriert, dass es nur eine mögliche Weise gibt, der Umwelt optimal zu entsprechen, bringt fit die Möglichkeit verschiedener Problemlösungen bzw. "Passungen" zum Ausdruck. Jeder Organismus, der lebt, stellt eine perfekte Form bzw. Problemlösung dar. Varela, Thompson und Rosch weisen darauf hin, dass weder die Anzahl der Nachkommen noch die Beständigkeit (persistence) einer Art eine hinreichende Erklärung für die Vielfalt an de facto beobachtbaren organischen Merkmalsausprägungen und Lebensformen darstellt. Evolution besteht demnach nicht ausschließlich in der Optimierung des Reproduktionspotenzials von Lebewesen.

Luhmann überträgt das konstruktivistische Evolutionsmodell von Maturana/Varela auf soziale Systeme und wendet es auf die historische Entwicklung von Kommunikationsmedien an. Seiner Ansicht nach wird die Evolution von Gesellschaften in erster Linie durch die Sprache ermöglicht, welche strukturelle Variationen der Kommunikation bzw. gesellschaftliche Differenzierung verwirklicht. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Liebe, Geld oder Macht bündeln sprachliche Selektionen in binären Codes und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass strukturelle Variationen angenommen bzw. selektiert werden. Entscheidender Faktor für die Evolution von sozialen Systemen ist ihre strukturelle Kopplung mit der Variabilität psychischer bzw. kognitiver Systeme.

--> Die Anwendung konstruktivistischer Evolutionsmodelle auf die biologische Beobachtung der Geschlechterdifferenz steht noch aus. Die soziologische Systemtheorie verdeutlicht, dass sich in europäischen Gesellschaften bis ins 19. Jahrhundert die kommunikative Selektion von sozialen AkteurInnen als Männer und Frauen evolutionär bewährt hat, womit aus theoretischer Perspektive die strukturbildende Funktion der Geschlechterdifferenz beobachtet, nicht aber deren normative Legitimation behauptet wird. Da die aktuelle Systemtheorie sich strikt gegen den Strukturfunktionalismus wendet, implizieren ihre Beschreibungen nicht die Behauptung, dass Strukturen in einem ahistorischen Sinn notwendig sind. Strukturen wie etwa die soziale Realisation der Geschlechterdifferenz verwirklichen unterschiedliche Funktionen bzw. Problemlösungen (funktionale Äquivalenz), die je nach Beobachtungsperspektive auch als dysfunktional erscheinen können.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: Autopoiesis (ST/RK); Funktion (ST/RK); Differenzierung, funktionale (ST); Viabilität (RK)

Literaturhinweise
•  Glasersfeld, Ernst von (1985): "Einführung in den radikalen Konstruktivismus [kommentiert (RK)]".
•  Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [kommentiert (ST)].
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Merten, Klaus (1994): "Evolution der Medien".
•  Varela, Francisco / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor (1991): The Embodied Mind. Cognitive Science And Human Experience.

Bibliografie zum Glossareintrag




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