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DekonstruktionSystemtheorie / Radikaler Konstruktivismus

Performativität (D)

Der Ausdruck "performative" ist eine Wortprägung des Oxforder Sprachphilosophen John L. Austin. Während konstative Äußerungen einen bestehenden Sachverhalt beschreiben oder Tatsachen behaupten und folglich wahr oder falsch sind, vollziehen performative Äußerungen eine Handlung, die sie benennen. Mit performativen Sprechakten werden Handlungen vollzogen, Tatsachen geschaffen und Identitäten gesetzt. In diesem Sinne können sie zwar nicht wahr oder falsch sein, jedoch gelingen oder fehlschlagen. Während Austin im Verlauf seiner Analyse die Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen fallen lässt und sie durch die Triade lokutionärer, illokutionärer und perlokutionärer Akte ersetzt, reformuliert der französische Sprachwissenschaftler Emile Benveniste den Begriff des Performativen unter Betonung seiner autoritativen und subjektkonstitutiven Funktionen.

Für poststrukturalistische Positionen entscheidend ist die Differenzierung zwischen Performanz (performance) und Performativität. Während Performanz verstanden als Aufführung oder Vollzug einer Handlung ein handelndes Subjekt vorauszusetzen scheint (das ist auch die Position der Sprechakttheorie), bestreitet der Terminus Performativität gerade die Vorstellung eines autonomen, intentional agierenden Subjekts. Die Performativität einer Äußerung unterstreicht deren Kraft, das Äußerungssubjekt und die Handlung, die sie bezeichnet, in und durch diesen Äußerungsakt allererst hervorzubringen. Derrida akzentuiert darüber hinaus die Iterabilität und Zitathaftigkeit performativer Äußerungen. Damit eine performative Äußerung gelingen kann, muss sie (je nachdem ob, man eine zeichentheoretische oder kulturtheoretische Perspektive einnimmt) als zitathafte oder ritualhafte Form in einem System gesellschaftlich anerkannter Konventionen und Normen erkennbar und wiederholbar sein. Das heißt auch, dass die Möglichkeit des Scheiterns und des Fehlschlagens performativer Äußerungen dem Sprechen und der Sprache nicht äußerlich, sondern inhärent ist.

--> In Gender Trouble entwickelt Butler den Performativitätsbegriff mit Blick auf die sex-gender-Unterscheidung weiter. Der scheinbare Grund der Geschlechtsidentität, das biologische Geschlecht und der Körper als Oberfläche kultureller Einschreibungen, ist nach Butler der performative Effekt einer diskursiven Praxis. Performativität wird hier folglich nicht als die Möglichkeit eines intentionalen Subjekts verstanden, mit sprachlichen Äußerungen Handlungen zu vollziehen, sondern die soziale Geschlechtsidentität (gender) ist gerade in dem Sinne performativ, indem sie das Subjekt, das diese nur auszudrücken scheint, als seinen Effekt konstituiert. Folglich gibt es keine Geschlechtsidentität 'hinter' den Äußerungen und Ausdrucksformen von Geschlecht; diese Identität wird durch eben diese Äußerungen performativ hervorgebracht. Dabei ist Performativität nicht als ein einzelner Akt aufzufassen, sondern vielmehr als eine reiterative Praxis innerhalb eines regulativen Systems, das die Identitäten, die es bezeichnet, ebenso re-produziert wie es das Risiko ihrer Fehlbenennung und Desintegration mit sich bringt. In späteren Texten unterstreicht Butler den zitathaften und zeitlich-geschichtlichen Charakter performativer Äußerungen und Interpellationen: Nur indem eine performative Äußerung als Glied in einer zitathaften Kette vergangene Sprechakte anruft, zitiert und mobilisiert sowie auf zukünftige Sprechakte verweist, erhält sie performative Macht.

© Gerald Posselt (Stand 6.10.03)

Siehe auch: Iterabilität (D); Interpellation (D); Sprache (D); Referenz (D); Subjekt (D); Handlungsfähigkeit (D)

Literaturhinweise
•  Austin, John L. (1975): How to Do Things with Words [kommentiert (D)].
•  Benveniste, Émile (1974): "Die analytische Philosophie und die Sprache [kommentiert (D)]".
•  Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity [kommentiert (D)].
•  Butler, Judith (1997): Excitable Speech. A Politics of the Performative [kommentiert (D)].
•  Derrida, Jacques (1988): "Signatur Ereignis Kontext [kommentiert (D)]".
•  Felman, Shoshana (1983): The Literary Speech Act. Don Juan with J. L. Austin, or Seduction in Two Languages [kommentiert (D)].

Bibliografie zum Glossareintrag

Externe Links
•  Philosophy Research Base - Performativity
•  Butler, Judith: "Gender as Performance". Interview by Peter Osborne and Lynne Segal, London, 1993

Enactment (RK)

Aus der Sicht des kognitionswissenschaftlichen Konstruktivismus resultieren kognitive Strukturen aus der wechselseitigen Spezifikation von Sinnesausstattung und Bewegungsapparat, von Wahrnehmung und Verhalten. Wissen und Wirklichkeit bestehen in der Aufrechterhaltung der strukturellen Kopplung zwischen System/Umwelt, die in konkreten Aktivitäten verkörpert ist (Embodiment).

Wirklichheit ist deshalb ohne ihre konkrete Erfahrung bzw. ihr Enactment durch ein kognitives System nicht möglich. Subjekt und Objekt definieren sich wechselseitig, sie stellen eine unauflösbare Einheit dar. Der mit dem Enactment verbundene Begriff des Embodiment verweist einerseits auf den Körper und seine sensumotorische Kopplung mit der Umwelt, andererseits auf die Verwirklichung dieser Kopplung in biologischen, psychologischen und sozialen Dimensionen (vgl. Varela/Thompson/Rosch).

Varela, Thompson und Rosch präsentieren ihre Enactive Cognitive Science als Alternative zum Symbolverarbeitungsansatz der orthodoxen Kognitionswissenschaft, die das Computermodell des Geistes vertritt. Ebenso grenzen sie sich von Emergenzkonzepten ab, die Kognition als subsymbolisches Prozessieren lokaler Regeln in parallel arbeitenden neuronalen Netzwerken definieren. Sie betonen stattdessen die hermeneutische Verfasstheit, die das 'In-der-Welt-Sein' eines Lebewesens bestimmt, und schlagen die Brücke zu phänomenologischen, aber auch zu buddhistischen Denktraditionen.

--> Geschlechtsidentitäten sind durch Verhaltens- und Handlungsformen verkörpert, die aus der Interaktion mit soziokulturellen Umwelten entstehen und ein spezifisches Wissen darstellen. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive ist die Frage interessant, ob die Lernumwelten von Kindern sich im Hinblick auf geschlechtstypisierte Bewegungsspielräume unterscheiden. Die Entwicklung von sprachlichen und vorsprachlichen Fähigkeiten hängt entscheidend von der Möglichkeit zur aktiven Umwelterfahrung ab. Die soziale Organisation der Geschlechter entspricht Differenzierungsmechanismen und wird in verschiedenen Unterscheidungsformen verkörpert.

© Sibylle Moser & proddiff (Stand: 10.9.2003)

Siehe auch: System/Umwelt (ST/RK); Kopplung, strukturelle (ST/RK); Wissen (ST/RK); Wahrnehmung (ST/RK); Kognition (ST/RK)

Literaturhinweise
•  Bürscher, Sabine (1996): "Die Radikalität der Erkenntnis. Feministische Theorieproduktion und Radikaler Konstruktivismus [kommentiert (RK)]".
•  Haraway, Donna (1988): "Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Priviledge of Partial Perspective".
•  Krüll, Marianne (1990): "Das rekursive Denken im radikalen Konstruktivismus und im Feminismus [kommentiert (RK)]".
•  List, Elisabeth (1997): "Das lebendige Selbst. Leiblichkeit, Subjektivität und Geschlecht [kommentiert (RK)]".
•  Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco (1991): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
•  Varela, Francisco J. / Thompson, Evan / Rosch, Eleanor (1991): The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience.
•  West, Candance / Zimmermann, Don H. (1987): "Doing Gender".

Bibliografie zum Glossareintrag




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